Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 59

freilich auch sie zeitweise von ihr bedeckt wurden. Und so
können die höchst verwickelten Einzelvorgänge der revolutionären
Bewegung eigentlich nur dann übersehen werden, wenn man an
die Ereignisse der Staaten anknüpft; durch sie, nicht durch die
Vorgänge in Frankfurt, ist auch im Grunde das Schicksal der
Einheitsbewegung besiegelt worden, und unsere Erzählung wird
daher zuerst von ihnen ausführlich melden, ehe die Ereignisse
der nationalen Gesamtbewegung zur Darstellung gelangen.
Nun hätte unter den beiden deutschen Großmächten nach
seiner vollen Vergangenheit am ehesten Osterreich für die Fort—
bewegung in Betracht kommen sollen. Allein war diese Ver—
gangenheit gerade in ihren jüngsten Phasen geeignet, dem Kaiser—
staat noch die Führung in diesen Gärungsjahren zu verschaffen?
Noch bestand das Metternichsche Regiment; und Metternich hat
bei den ersten stärkeren Demonstrationen Wiens schleunigst das
Staatsruder aus seiner müden Hand gelegt. Neben ihm aber
gab es in ganz sterreich eigentlich keine Autorität. Kaiser Franz
insbesondere, schwachsinnig und stetiger geistiger Vormundschaft
bedürftig, war eine Anomalie auf deutschen Thronen; wer hätte
mit ihm überhaupt rechnen wollen?
So wandten sich aller Augen nach Berlin; und das Über—
gewicht Preußens war so augenscheinlich, daß es schon um
1840 niemand mehr bestritt, der klaren Blickes die nächste Zu—
kunft der Nation sichtete. Berlin und Preußen aber hieß seit 1840
Friedrich Wilhelnm IV. Denn was man von dem Könige auch
denken und über ihn erzählen mochte: darin waren alle einig,
daß er der Träger des Schicksals nicht nur seines Staates,
sondern seines Volkes in den kommenden Wirren sein werde.
Und empfand der König selbst etwa anders? Metternich,
der, erfahrenen Auges in der Anschauung von Personen,
Friedrich Wilhelm IV. 1842 beim Kölner Dombaufest kennen
lernte, urteilte über ihn: „Es ist in ihm eine eigentümliche
Mischung hervorragender Eigenschaften mit gewissen Fehlern,
zu denen die Leidenschaft gehört, an allem zu rühren und so
zu handeln, daß dabei seine Fähigkeiten zur Darstellung kommen.
Ich fürchte, daß er auf dem Wege ist, alles umzukehren, sein