Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 63

und noch mehr jede Verfassung abwies: denn er habe seine
Gewalt von Gott, und nie werde er zugeben, daß sich zwischen
unseren Herrgott im Himmel und das preußische Volk ein
beschriebenes Blatt Papier dränge gleichsam als eine Vor—
sehung. Der Landtag erwiderte auf die Rede mit einer Adresse,
in der nur im allgemeinen von der Wahrung der erworbenen
Rechte des Volkes die Rede war. Aber selbst diese Fassung
ertrug der König wenig willig; und noch mehr hatte er sich
über die Linke entsetzt, als sie in der Diskussion der Adresse eine
viel schärfere Formulierung gewünscht hatte. Doch antwortete
er halbwegs gnädig und ganz in seiner persönlichen Art von
Unentschiedenheit: die durch sein Patent geschaffenen Institutionen
seien zwar unantastbar, doch fortbildungsfähig.
Danach begab sich der Landtag an die Beratung des ihm
gemachten Anleihevorschlags. Aber da zeigte sich alsbald, daß
er sich für die Bewilligung einer Anleihe nicht kompetent hielt:
denn er sah sich nicht als das nach dem Gesetze von 1820 hier⸗
für bestimmte Organ des Volkes an.
Damit war der Zweck, den der König mit der Einberufung
des Landtages hatte erreichen wollen, vereitelt: er schickte den
Landtag nach Hause.
Es fragte sich nach diesem Mißerfolg: Was nun? Ehe
der König darauf zu klarer Antwort gelangte, erfolgten die
revolutionären Bewegungen des Jahres 1848. —
Die ersten revolutionären Vorgänge dieser Zeit auf deutschem
Boden spielten sich aber nicht eigentlich innerhalb des Bundes⸗
gebietes ab, sondern vielmehr in der Schweiz: wie einstens, im
15. und 16. Jahrhundert, das Brüllen der Kühe der Eidgenossen
auf den Almen der Berge als gemeindeutsches Revolutionszeichen
gegolten hatte, so wurden auch jetzt wiederum die Eidgenossen
zuerst lebendig und merkwürdigerweise so, daß sich dadurch vor
allem auch der König von Preußen betroffen fühlte.
Schon seit den dreißiger Jahren war in der Schweiz mit
ihrer disparaten, teils fast naturalwirtschaftlich-agrarischen, teils
industriell⸗ und kommerziell⸗städtischen Bevölkerung der Gegen⸗
satz zwischen konservativ und liberal oder radikal weit stärker