70 — Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

wehr fertig zur Zerstreuung letzter Gruppen vor; es fielen durch
Zufall zwei Schüsse: und die Situation war gänzlich verändert.
Die Massen schrien jetzt Verrat; der König lasse auf sie
schießen; „die Wut der unbewaffneten Bürger war unbeschreiblich;
sie waren drauf und dran, mit den Händen in die Gewehre zu
greifen. Unter ihnen befanden sich keinerlei solche Gestalten,
wie sie ein paar Stunden später zu sehen waren. Alle gehörten
den besten Ständen an; die Mehrzahl war eben erst als Schutz⸗
männer tätig gewesen“.
Es war der Augenblick des Umschwungs. Umsonst ver⸗
suchten noch einige wenige angesehene Bürger zu vermitteln;
das Pflaster wurde aufgerissen, Wagen umgestürzt, rasch ent—
standen Barrikaden. Wenige Stunden später war die Stadt
mit ihren 420000 Einwohnern im Aufstand; und niedere Ele—
mente begannen einzugreifen.
Prittwitz versuchte jetzt wenigstens das Schloß in einem
Umkreise von etwa drei Kilometern von Aufständigen zu säubern.
Mit 14000 Mann und 36 Kanonen ging er gegen 4 Uhr nach—
mittags vor; bis Mitternacht, bei hellem Vollmondscheine, hatte
er sein Ziel fast erreicht.
Da ertrug der König das Schießen in seiner nächsten Nähe
nicht länger. Tief erschüttert, schließlich fassungslos sah er
das Volk im mörderischen Streite mit seinem angestammten
Herrscher. Prittwitz, der in diesem Momente vor ihm erschien,
fand bei ihm für die Schwierigkeiten der Situation im einzelnen
kein Interesse mehr; schließlich erhielt er nur im allgemeinen
den Befehl, den eroberten Teil der Stadt zu halten und zu
verteidigen. Als er den König verließ, sah er ihn an den
Schreibtisch gehen: was der König nun schrieb, war das Kon—
zept zu der Proklamation „An meine lieben Berliner“. In
ihr forderte er dazu auf, zum Frieden zurückzukehren und die
Barrikaden zu räumen, und verpfändete er sein königliches
Wort dafür, daß danach die Truppen zurückgezogen werden
würden. „An euch, Einwohner meiner geliebten Vaterstadt, ist
es jetzt, größerem Unheil vorzubeugen. Erkennt, euer König und
treuester Freund beschwört euch darum bei allem, was euch