72 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Aber kaum waren sie abgezogen, gegen 12 Uhr etwa, da
brach das Volk vor, drängte die sieben Kompagnien zurück⸗
gebliebener Schloßbesatzung zurück und erzwang den Eingang
in den Schloßhof. Dabei war es nicht etwa die Hefe des
Volkes, die vorwärtsging; ehrenwerte Bürger zumeist strömten
ein. Und kaum hatte sich die Menge des Schloßhofes be—
mächtigt, so begann ein erster Wagen mit Leichen gefallener
Barrikadenkämpfer in ihn einzufahren, dann folgte ein zweiter
Wagen mit blumengeschmückten Leichen, bald weitere.
Es war eine bizarre Szene; der König mußte sich zeigen;
auf den Ruf „Mütze ab!“ entblößte er sein Haupt vor den Ge⸗
fallenen; die Menge sang „Jesus meine Zuversicht“.
Der König war in der Hand des Volkes; zwischen 2 und
3 Uhr genehmigte er die Einrichtung einer Bürgerwehr, für
die gegen 6000 Gewehre ausgegeben wurden; gegen 5 Uhr
übernahm die Schützengilde die Wache am Schlosse; abends
war die Stadt illuminiert.
Die Militärpartei nährte bitteren Groll; der Prinz von
Preußen floh am 20. aus Berlin; Gerlach hat die Vorgänge
als die Avilierung des Königtums und der Armee bezeichnet.
Ließ sich aber der weitere Verlauf der Ereignisse in dem
Bette, das sie sich nun einmal gegraben hatten, aufhalten? Der
21. März brachte den Umritt des Königs durch Berlin mit
schwarzrotgoldener Binde inmitten einer jubelnden Bevölkerung
und das volle Bekenntnis zu den nationalen und liberalen
Forderungen; der 22. das Begräbnis der gefallenen Barrikaden—
kämpfer. Würdig, ernst, aber in voller Offenheit bewegte sich
der Zug mit den 183 Särgen vor dem Schlosse vorbei, und
der König erschien in Uniform und entblößten Hauptes auf
dem Balkon. Die achtzehn gefallenen Soldaten dagegen wurden
in der Frühe des 24. still, fast heimlich beerdigt.
Vergebens suchte nach alledem der König am 25. in einer
Audienz der Offiziere in Potsdam die Sympathien der Armee
wiederzugewinnen; am 22. hatte Roon geschrieben, der Eifer
sei am Ersterben; alles gehe mit knirschenden Zähnen umher.
Inzwischen hieß ein liberales Ministerium mit Ludolf Camp⸗