30 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Ungarn während des Sommers 1848 um seinen alten Einfluß
kämpfen mußte und ihn noch keineswegs wiedergewonnen hatte,
erhoben sich in Wien von neuem und schrecklicher, als bisher,
die revolutionären Gewalten. Am 22. Juli hatte die National—
versammlung mit der Erörterung der Verfassung begonnen.
Aber die Beratungen schritten unter dem Eindrucke der sich
überstürzenden Nachrichten von außen her wie infolge der Un—
fähigkeit der Repräsentanten — neben den hochgebildeten
Deutschen saß der des Lesens und Schreibens unkundige gali—
zische Bauer in seinem härenen Kittel — nicht vorwärts, aͤuch
nicht nach des Kaisers halb erzwungener Rückkehr aus Inns—
hruck am 12. August 1848. Um so mehr regten sich wieder die
Pöbelhaufen, die radikalen Doktrinäre, die Studenten; schon
im August und September kam es zu Tumulten. Im hohen
Grade beängstigend wurden die Auftritte aber erst, als die
schlechten Nachrichten aus Ungarn eintrafen und am 28. Sep⸗
tember gegen Ungarn ein kaiserliches Kriegsmanifest und Befehl
zum Abmarsch einer Anzahl von Wiener Truppen nach Ungarn
erfolgte. Nun versuchte das Volk, am 6. Oktober, den Abmarsch
der Truppen gewaltsam zu hindern, die Truppen zeigten sich
lau und verbrüderten sich teilweise mit der Masse; es kam zu
Plünderung und Aufruhr, der Kriegsminister Graf Latour
wurde im Kriegsgebäude aufgestöbert, auf die Straße gezerrt
und ermordet. Hierauf reiste der Kaiser am 7. Oktober morgens
von Schönbrunn nach Olmütz ab, ihm folgten viele aristokra—
tische und wohlhabende Familien in fluchtähnlichem Auszug
aus Wien, und in Wien selbst begann ein Schreckensregiment
des Pöbels und der Studenten.
So blieb nichts übrig, als alle militärischen Kräfte des
Reichs mit Ausnahme der italienischen Truppen gegen Wien
in Bewegung zu setzen, wo der Graf Auersperg nur noch das
kaiserliche Belpedere und den Schwarzenbergischen Garten hielt.
Bald rückten von Ungarn her der Banus Jellachich, von Böhmen
her Fürst Windischgrätz gegen Wien vor; und schon um den
20. Oktober schien das Schicksal Wiens militärisch entschieden.
Windischgrätz, zum Generalissimus ernannt, richtete an die