Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 87

Inzwischen hatte sich aber auch der Durchlauchtigste Bundes⸗
tag in Frankfurt langsam von dem ihn zunächst gänzlich lähmenden
Schrecken erholt, den ihm die ersten revolutionären Vorgänge
eingejagt hatten. Er fügte nun sich äußerlich dem Sturme, steckte
auf dem Bundespalais die schwarz⸗rot-goldene Fahne auf, nahm
das deutsche Wappen an, betonte in einer Ansprache an die
Nation, Deutschland müsse und werde auf die Stufe gehoben
werden, die ihm unter den Nationen Europas gebühre: und
herief zum Zweck dieser Hebung siebzehn liberale Vertrauens—
männer zur Revision der Verfassung. Allein inzwischen drohte
am 31. März das Vorparlament zusammenzutreten! Um dessen
Beratungen und Beschlüssen die Spitze abzubrechen, wußte sich
der Bundestag nicht anders zu helfen als so, daß er am
30. März ein Gesetz erließ, welches die Regierungen aufforderte,
auf je 70000 Seelen ihrer Bevölkerung auf verfassungsmäßig
bestehendem Wege möglichst rasch einen Abgeordneten wählen zu
lassen zu einer Nationalversammlung, die in Frankfurt zusammen⸗
treten und dort mit den Regierungen die neue deutsche Ver—
fassung vereinbaren sollte.
Trotzdem trat am nächsten Tage, dem 31. März, das
Vorparlament in Frankfurt zusammen, über fünfhundert Mit—
glieder, meist Süddeutsche, doch auch hunderteinundvierzig
Preußen und zwei Osterreicher. Die Versammlung erwies sich
alsbald als im ganzen liberal, aber bürgerlich staatserhaltend
gesinnt; neben einer Majorität dieses Charakters stand indes
eine starke radikale Minderheit unter Hecker und Struve. Es
kam daher in den Beratungen der Versammlung doch zur Ent—⸗
hüllung starker Gegensätze und dementsprechenden Szenen: und
man ging am 4. April ziemlich resultatlos auseinander. Dennoch
schrieb der Bundestag, noch immer unter dem Drucke der
revolutionären Vorgänge, am 7. April die Wahlen zur kon⸗—
stituierenden Nationalversammlung entsprechend den Wünschen
des Vorparlamentes aus.
Die Radikalen hatten aber schon in dieser Versammlung
gesehen, daß sie mit ihren republikanischen Forderungen gegen—
über dem staatserhaltenden Sinne der großen Mehrheit der