Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 89

keit mit den Worten „Des Vaterlandes Größe, des Vaterlandes
Glück“ bezeichnet war.
Die Versammlung war eine der glänzendsten Vereinigungen
von Wissen, Vaterlandsliebe, Geist und Begeisterung, die
Deutschland je gesehen hat: fast alle politisch bedeutenderen
Männer der späteren Jahrzehnte haben ihr angehört. Präsident
wurde Heinrich von Gagern, bis dahin hessen-darmstädtischer
Minister, ein Mann von großen Impulsen, weniger gescheit
als willenskräftig, doch geeignet, in großen Momenten der
Stimmung von Massen Ausdruck zu verleihen, und nicht ohne
diplomatische Klugheit, galt es, noch nicht völlig sichere In—
stinkte des Parlamentes zu klaren Beschlüssen zu verdichten.
So schien alles zum besten geordnet; und mit großem
Optimismus ging man ans Werk.
Allein die Schwierigkeiten waren enorm; und sie mußten
alsbald bei der Verfassungsberatung zutage treten.
Es waren, wie die Zukunft später gelehrt hat, zwei Wege
weiterer Entwicklung denkbar. Nämlich einmal der sogenannte
kleindeutsche: die Bildung eines engeren Deutschlands unter
Preußens Führung, Osterreichs Ausschluß; womöglich mit der
Modifikation, daß das engere Deutschland dann mit Hsterreich
keinen staatsrechtlichen, wohl aber einen völkerrechtlichen Bund
schloß. In diesem Falle mußte die Kaiserwürde an Preußen
fallen. Diesen Modus, der in der politischen Literatur XX
der dreißiger Jahre vereinzelt aufgetaucht, dann in der der
gierziger Jahre schon eingehender besprochen worden war, hatte
aber König Friedrich Wilhelm JIV. von Preußen soeben ab—
gelehnt.
Daneben war aber auch ein großdeutscher Weg denkbar:
ein Deutschland unter Einschluß des gesamten oder wenigstens
des deutschen Osterreichs. Es wäre gewiß mit Ruücksicht auf die
äußere wie innere Größe der Nation der beste Weg gewesen,
hätten seiner glücklichen Durchbildung nicht unüberwindliche
Hindernisse entgegengestanden. Sie waren fundamental in der
Verteilung der Konfessionen über das deutsche Gebiet gegeben,
solange die Verquickung staatlicher und kirchlicher Angelegen⸗