92 F Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

stellung des deutschen Verfassungswerkes ist er dagegen aus—
geschlossen, sie bleibt Sache allein der Nationalversammlung.
Zunächst fragte es sich nun, wie sich der Bundestag, die
Einzelregierungen und der Erzherzog Johann zu diesem Vorgehen
stellen würden. Und da bezeichnet es die ganze Macht der
nationalen Strömung, daß alle sich fügten. Von den Einzel—
regierungen wagten nur Hannover und Bayern einen alsbald
wieder aufgegebenen Widerspruch; Johann aber, ein älterer,
ruhiger, diplomatisch gewandter und im Geruche des Liberalis—
mus stehender Herr, nahm an, und hielt am 11. Juli in Frank—
furt seinen Einzug.
Der Bundestag endlich widersprach auch nicht, aber er
fügte sich, nicht ohne Mitwirkung des Reichsverwesers, in eigen⸗
tümlicher Weise. Nachdem der Reichsverweser am 12. Juli in
einer Sitzung der Nationalversammlung feierlich in den Kreis
seiner Obliegenheiten eingefüuhrt worden war, ließ er sich von
einer Deputation aus seiner Wohnung in das Bundespalais
führen und hier von dem Bundespräsidialgesandten in Gegen—
wart des Bundestages und in dessen Namen feierlich nochmals
auch die Ausübung der dem Bundestage zustehenden Befugnisse
und Verpflichtungen übertragen. Und dies, nachdem der Bundes—
tag schon vorher fälschlich behauptet und verkündet hatte, die
Regierungen der Einzelstaaten hätten sich bereits vor der Wahl
in der Nationalversammlung auf die Verson des Erzherzogs
als Reichsverwesers geeinigt.
Damit hatte die Gewalt des Reichsverwesers jetzt also
zwei Quellen: die der Wahl durch das national-souveräne
Parlament und die der legitimistischen Ubertragung durch den
Bundestag. Es war eine Doppelposition, deren ruhige Hin⸗
nahme durch die Nationalversammlung in dieser vergeblich von
der Linken bekämpft wurde.
Zunächst aber trat nun die neue Zentralgewalt allmählich
in Erscheinung; der Reichsverweser ernannte ein Reichs—
ministerium unter dem Vorsitz des Fürsten Karl von Leiningen:
von Schmerling, Peucker, von Mohl, Heckscher, Duckwitz,
von Beckerath wurden Minister; die Ministerien installierten