Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 105

Hsterreich gehen und spie damals Gift und Galle gegen die
Frankfurter. Doch schließlich, in einer letzten Unterredung mit
seinen Vertrauten, Brandenburg, Canitz und Bunsen, änderte
er seine Ansicht. Nachdem er die Note aufs lebhafteste bekämpft
hatte, fragte er Bunsen: „Billigen Sie die Note?“ Bunsen:
„Durchaus.“ „Nun,“ sagte der König, zum Ministerpräsidenten
Brandenburg gewandt, „so lassen Sie sie abgehen: nur daß
die Verhandlungen mit Ästerreich deshalb nicht abgebrochen
werden.“ Graf Brandenburg, erzählt Bunsen weiter, war
wie aus den Wolken gefallen, Canitz machte ein seltsames Ge⸗
sicht. Der König stand auf, nachdem er noch einige Worte
hinzugefügt, und verließ das Zimmer. Wir drei sahen uns
einander an. „Des Herren Kopf ist anders organisiert als der
eines anderen Menschen“, sagte Graf Brandenburg. „Wes⸗
halb hat er sich so lange gesträubt, und weshalb unmittelbar
nachher auf einmal nachgegeben?“ Canitz schwieg 1.
AÄhnlich sprunghafte Entschlüsse von teilweise oder ganz
entgegengesetztem Inhalte sind auch sonst noch vom Könige in
diesen Zeiten gefaßt worden.
Das preußische Rundschreiben ging am 23. Januar ab.
Es machte in Frankfurt den besten Eindruck. Aber auch Hster⸗
reich nahte sich. Eine Note Schwarzenbergs vom 4. Februar 1849
derwarf das System des engeren und weiteren Bundes und
deutete ein ganz anderes Deutschland an: der kaiserlichen Re—
gierung schwebe ein nach außen festes und mäßiges, im Innern
starkes und freies, organisch gegliedertes und doch in sich einiges
Deutschland vor. Es war die erste öffentliche Andeutung des
Schwarzeubergschen Planes, statt des kleindeutschen Reiches von
dreißig Millionen ein Siebzigmillionenreich mit ganz sterreich,
unter der Führung des Hauses Habsburg und unter der mehr
oder minder durchgeführten Aufteilung des engeren Deutschlands
 unter die Königreiche zu begründen. Und dieser Plan
gewann eine Fülle von Patrioten für sich; sehr bald schien er
auch die Mehrheit in der Vaulskirche gewonnen zu haben.

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Bunsens Leben, übers. von Nippold II, 490; v. Sybel J, 290.