Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 107

reiner Sonderverfassung dem Reiche beitreten lassen. Statt
dessen kam die Kunde, der Kaiser habe am 4. März seinen
Völkern eine Zentralverfassung aufoktroyiert und darauf am
7. März den Reichstag von Kremsier heimgeschickt. Nicht minder
aber wurde gleichzeitig auch die Linke enttäuscht. Österreich
forderte jetzt in einer Note seinen Eintritt in den Deutschen
Bund unter dem Verlangen, es solle ein Direktorium bestellt
werden mit einem Staatenhaus, dem aber kein Volkshaus
„lähmend“ zur Seite stehen solle.
Diese Nachrichten brachten die Großdeutschen und die Linke
in Bestürzung; ein Teil von ihnen fiel jetzt von Österreich ab
und ergriff die preußische Partei. Ihr Führer war Welcker.
Unerwartet beantragte er am 12. März 1849, die ganze Ver⸗
fassung unter Annahme der Abänderungen der neunundzwanzig
Regierungen als Ganzes durch einen Beschluß anzunehmen, die
erbliche Kaiserwürde an den König von Preußen zu übertragen
und die deutschen Fürsten zum Beitritt in den Bund auf—
zufordern. Mit den Worten „Das Vaterland ist in Gefahr,
retten Sie das Vaterland,“ schloß er seine Rede.
Allein der Appell Welckers war nicht so wirksam, seinen
Anträgen sofort die Mehrheit zu verschaffen. Die Linke hielt
an dem radikalen Wahlgesetz fest: es müsse Teil der Verfassung
werden. Sie setzte ferner durch, daß dem künftigen Kaiser kein
Recht unbedingter Einsprache gegen Beschlüsse der Volksvertretung
zuteil wurde, nicht einmal bei Verfassungsänderungen. So be—
lastete sie die Verfassung mit Bestimmungen, von denen voraus⸗
zusehen war, daß sie das Ganze dem Könige von Preußen
nur schwer annehmbar machen würden. Darauf wurde die
Verfassung und die Erblichkeit der Kaiserwürde votiert und, am
28. März, beschlossen, dem Könige von Preußen die Kaiserwürde
zu übertragen; zweihundertundneunzig Mitglieder bejahten die
Frage, zweihundertachtundvierzig, darunter über hundert Oster—
ceicher, enthielten sich der Abstimmung.
Die Freude in Frankfurt war groß, niemand schien an
der Annahme durch Friedrich Wilhelm IV. zu zweifeln, unter
Glockengeläut wurde der neue Kaiser ausgerufen. Zu gleicher