108 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Zeit aber strömten die Briefe Friedrich Wilhelms IV. über von
Verwünschungen der ihm zugedachten Schandkrone, die für ihn
das Halsband des Leibeigenen im Dienste der Revolution sein
würde!.
Nach der Kaiserwahl machte sich alsbald eine Deputation
von zweiunddreißig Mitgliedern der Nationalversammlung, an
der Spitze Simson, nach Berlin auf. Im Triumph wurde sie
überall empfangen. In Berlin trat sie am 3. April 1849 vor
den König. Die Antwort, die ihr zuteil wurde, war am Tage
zuvor festgestellt worden. Es war eine bedingte Ablehnung.
Friedrich Wilhelm IV. hielt nach wie vor an dem Gedanken
fest, einmal an der Spitze eines einigen Deutschlands zu stehen;
aber die Annahme der Kaiserwürde aus den Händen der National—
versammlung widerstrebte ihm. Vielmehr wünschte er in freier
Vereinbarung mit den deutschen Fürsten einschließlich Oster⸗
reichs den engeren Bund zu begründen, von diesem eventuell
die Würde anzunehmen, und dann, wieder in gütlicher Ver—
einbarung, zwischen dem engeren Bund und Hsterreich ein inter⸗
nationales festes Band zu schließen. In diesem Sinne, nur
nicht so klar, sprach er sich zur Deputation aus.
Es war keineswegs die Anschauung der konservativen Kreise
am Hofe, sondern eigentlich nur der hochkonservativen „Kama—
rilla“, der Gerlachs und ihrer Genossen, auch der Prinz von
Preußen und seine kluge weimarische Gemahlin dachten anders.
Die Deputation aber konnte nicht anders, als aus den Worten
des Königs ein Nein heraushören und schrieb in diesem Sinne
an das Reichsministerium am 4. April. Und da fragte es sich,
wie man nun weiter kommen werde.
sterreich nahm sofort klare Stellung. Es berief seine
Abgeordneten von der Nationalversammlung ab und betrachtete
diese als aufgelöst. Den Reichsverweser Erzherzog Johann aber,
der nach der Kaiserwahl hatte abdanken wollen und daran nur
durch Simson verhindert worden war, indes doch schon dem
Könige von Preußen seine Abdankung angezeigt hatte, forderte

Ev. Sybel J, 296.