112 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Es war das Ende der Nationalversammlung. Ein letzter
Bericht meldet, sie sei der Gewalt gewichen.

2. Mit dem Untergange der Nationalversammlung waren
alle Versuche gescheitert, in denen sich das deutsche Volk aus
seinen Tiefen heraus bestrebt hatte, eine nationale, einheitliche
und freie Verfassung zu erringen.
Es hatte sich gezeigt, daß man wohl über das Ziel, das
man erreichen wollte, im größesten einig war, keineswegs aber
über die Mittel. Hier herrschten die größten Meinungs⸗
oerschiedenheiten zwischen Partikularisten und Unionisten, zwischen
Klerikalen und Freigeistern, zwischen Liberalen und Radikalen,
zwischen Monarchisten und Republikanern. An diesen Meinungs⸗
verschiedenheiten, die zudem noch mit herbster Prinzipienschärfe
oertreten wurden, ist die Nationalversammlung an erster Stelle
gescheitert; erst die fünfziger Jahre haben die Einsicht zu reifen
begonnen, daß in der Politik neben Grundsätzen auch Inter—
essen, neben hartnäckigem Beharren auf Ideologien auch Kom—
promisse Berechtigung haben. So ging in dieser glänzenden
Vereinigung geistiger Kräfte trotz allem der Geist politischer Un—
erzogenheit um. Die endlose Zersplitterung des alten Reiches, die
keine gemeinsame Entwicklung großer politischer Anschauungen
zugelassen hatte, wirkte noch nach. Und nach wirkte vor allem
auch jene merkwürdige rein geistige Erziehung der Nation
zum Subjektivismus, die, unter fast völliger politischer Welt—
abgeschiedenheit, auf dem Gebiete höchsten Kulturlebens aller—
dings von Empfindsamkeit und Sturm und Drang bis zu
Alassizismus und Romantik getragen hatte. Doch konnte man
bereits mit Recht behaupten, daß diese Fehler, an denen vor—
nehmlich die Nationalversammlung noch zugrunde ging, ihrem
Ursprunge nach der Vergangenheit angehörten. Eben die
Möglichkeit der Versammlung selbst bewies schon, daß man in
realistischeren Zeiten lebte: daß die Zeit politischen Verständnisses
aahe herbeigekommen war.