Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Rirche und Staat. 113

Eine zweite, geringere Ursache des Scheiterns der natio—
nalen Einheitsbewegung muß in der ständigen Zunahme der
Bedeutung des Radikalismus während der Revolutionszeit selbst
gesucht werden. Gewiß war diese Zunahme, an dem Verlaufe
anderer, außerdeutscher Revolutionen gemessen, gering; und
sicherlich liegt es in der Psychologie jeder Umwälzung, all⸗
mählich den ungebundneren, weniger denkeifrigen und weniger
willensstarken Kräften Raum zu geben. Allein selbst die Ein—
sicht in diesen Zusammenhang pflegt die verderbliche Wirkung
des Radikalismus nicht zu hindern, wie sie in der bewußten
Konstruktion unversöhnlicher Gegensätze und der Aufforderung
zu offener Gewalttat hervorbricht.
So war es der Nationalversammlung nicht vergönnt gewesen,
Abschließendes zu schaffen. Aber in der festen Umschreibung der
allgemeinen politischen Ziele, die ihr gelang, lieferte sie die
wertvollsten Bausteine einer besseren Zukunft.
Hatte die Begründung des Zollvereins seit den dreißiger
Jahren eine Gemeinsamkeit materieller Interessen für alles, was
deutsch hieß, zu schaffen begonnen: jetzt entwickelte die achtund⸗
dierziger Bewegung weit darüber hinweg und weit mehr noch
n die Tiefe hinein die Gemeinsamkeit aller politisch nationalen
Interessen. Denn diese Gemeinsamkeit ist seitdem nicht wieder
verloren gegangen, wenn sie auch zunächst nur in großen National⸗
feiern zutage trat, der Feier von Schillers hundertjährigem
Geburtstag etwa oder der fünfzigjährigen Gedenkfeier der Schlacht
bei Leipzig, sowie in Vereinen politisch-nationaler Färbung, den
Turn⸗ und Schützenvereinen, vor allem dem später durch
Bennigsen begründeten Nationalberein.
Und noch mehr: die Nationalversammlung hatte auch schon
in ihren Debatten wie in ihren Schicksalen sichere Fingerzeige für
die Art der Begründung eines zukünftigen einigen Deutschlands
gegeben. Es war seitdem unzweifelhaft, daß ein neues einiges
Deutschland nicht republikanisch, sondern monarchisch sein werdo.
Es war ferner unzweifelhaft, daß es eine Volksvertretung haben
werde. Es war endlich für jeden Denkenden klar, daß es zu—
aüchst nur aus dem engeren Deutschland unter Preußens Führung
Lamprecht, Deuische Geschichte. XI. 1. 23