114 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

werde bestehen können, und daß dem erst später eine völker—
rechtliche Union mit Österreich folgen werde.
Freilich einstweilen, im Jahre 1849, stand man an einem
Grabe gescheiterter Hoffnungen. Daß eine ganz andere Denk⸗
weise, daß eine freiere Auffassung und Aussprache politischer
Dinge als wichtigste Errungenschaft für immer unausrottbar
entstanden war, wurde übersehen; man verfiel in den natio—
nalen Kreisen der Gebildeten der Resignation und teilweise fast
der Verzweiflung. Es ist die Zeit, da ein so treuer deutscher
Mann, wie Gottfried Keller, noch dazu ein Beobachter aus
der Ferne, dichten konnte:

Es ringen die Ströme gewaltig zu Tal,
Die Deutschen nach Einheit mit Feuer und Stahl;
Der Neckar erreicht den wallenden Rhein,
Doch ewig muß deutsche Zerrissenheit sein.

Es sind die Jahre, da in den „Fliegenden Blättern“, die
damals auch der politischen Satire offen standen, als regel⸗
mäßige Figur der deutsche Michel auftrat, bald in einem Lotos—
kelche denkend und träumend, bald als Schriftsteller unter einem
Galgen, mit dem Strick um den Hals, hinter ihm ein militä—
rischer Henker, oder wohl auch als weinend um seine Mutter
Germania, die durch allerlei Medizinen gänzlich herunter—
gekommen sei. Es ist die Zeit drohender und spottender Er—
innerungen an die vorausgegangenen Tage. Da meint Dingel⸗
stedt von den langwierigen Sommerverhandlungen der National-—
»ersammlung:
GBründlich ergründen sie drin des Volks zu begründendes Grundrecht;
Draußen indes grundschlecht wird es dem Volke zumut.

Und da beschwört Freiligrath in dem Gedächtnis von
Tausenden und aber Tausenden jene merkwürdigste aller Berliner
Revolutionsszenen wieder herauf, die Paradevorführung der
Leichen der Revolutionshelden durch das Volk im Schloßhofe:
Die Kugel mitten in der Brust, die Stirne breit gespalten,
So habt ihr uns auf blut'gem Brett hoch in die Luft gehalten!
Hoch in die Luft mit wildem Schrei, daß unsere Schmerzgebärde
Dem—, der zu töten uns befahl, ein Fluch auf ewig werde!