Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 115

Indes was vermochte all der Schmerz und der höhnende
Rückblick? Es galt vorwärtszuschauen. Und da fragte es sich
jetzt, nachdem die Nation als solche mit der Ordnung ihrer
höchsten Anliegen gescheitert war, ob nicht vielleicht die Re—
gierungen noch einen Versuch zur Begründung deutscher Ein—
heit machen könnten. Einstweilen stand man ja in nationalen
Dingen, ja im Bereiche der Obliegenheiten des alten Bundes
vor fast nichts; der Reichsverweser Erzherzog Johann in Frank—
furt und sein Ministerium waren völlig einflußlos: etwas
mußte jedenfalls geschehen.
In der Tat nahmen jetzt Osterreich und Preußen, jedes
auf seine Weise, die Fortführung und, wie sie es alsbald an—
sahen, die Beherrschung der nationalen Bewegung in ihre
Hand; hatten sie doch schon vor und während der ganzen
popularen Bewegung ihre gegenseitigen Gedanken über die
Konstruktion eines neuen Deutschlands mehr als einmal aus—⸗
getauscht.
In Preußen gingen eigene Gedanken über die Entwicklung
eines neuen Deutschlands bis auf die ersten Jahre Friedrich
Wilhelms JIV. zurück. Da hatte schon im Jahre 1848 Radowitz
als preußischer Gesandter in Karlsruhe und darauf als Militär—
bevollmächtigter am Bundestage, von den liberalen und natio⸗
aalen Strömungen berührt, den Plan einer Bundesreform aus⸗
gearbeitet, in dem die Ausdehnung des Zollvereins auf ganz
Deutschland, die Vereinheitlichung von Münze, Maß, Gewicht,
deutsche einheitliche Schiffahrts- und Kolonialpolitik, ein deutsches
Eisenbahnsystem, Freizügigkeit, ein gemeinsames Recht, Be⸗
gründung von Bundesfinanzen und Zuziehung von Sach—
verständigen zum Bundestage gefordert wurden. Aber freilich
erst im November 1847 wurde eine von ihm vorgelegte Denk⸗
schrift gleichen Inhalts von Friedrich Wilhelm IV. in ihren
Hauptzügen gebilligt und darüber Verhandlungen mit Öfter—
reich eröffnet.
Im September 1847 hatte dann Friedrich Wilhelm IV.
auch eine Denkschrift vom Prinzgemahl Albert von England,
betreffend die Ausbildung volkstümlicher Regierungsformen und
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