118 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Bevor aber die Erzählung jetzt in das Detail dieser Ver—
handlungen eintritt, wird es nötig sein, sich noch einmal die
Stellung zu vergegenwärtigen, die König Friedrich Wilhelm IV.
in diesem Momente zu den bewegenden Fragen einnahm: denn
auf seine Stellung kam, im Falle einer diplomatischen Aktion,
bei der Eigenmächtigkeit, ja dem Eigensinn seines Naturells und
seiner Regierung im Grunde alles an.
Friedrich Wilhelm IV. verfolgte nun in seiner Sorge um
die Einheit der Nation offenbar auch nationale Ziele; und
nie hat er von diesem Standpunkte aus in seinem Innersten
auf den Gedanken, Deutscher Kaiser zu werden, großmütig ver—
zichtet. Allein das einzige Mittel hierzu, die Benutzung und
Führung der populären, liberalen Bewegung, wollte er nicht
anwenden; im Gegenteil, sie war ihm im Tode verhaßt. Daß
liberale und nationale Bewegung untrennbar zusammenhingen,
daß sie nur verschiedene Ausdrucksseiten desselben subjektivistischen
Seelenlebens des 19. Jahrhunderts waren, das hat seine bei
aller Romantik wenig historische Beanlagung niemals erfaßt.
Er suchte die deutsche Einheit vielmehr durch legitimistische
Maßregeln zu erreichen: und so spielen die Verhandlungen mit
den einzelnen Fürsten in seiner Politik eine fast ausschlaggebende
Rolle. Natürlich aber trieb ihn diese Art des Vorgehens
immer und immer wieder sterreich, dem Hort des deutschen
und des europäischen Legitimismus, in die Arme. Und darum
ist es sehr begreiflich, daß er sich niemals von der Be—
wunderung und moralischen Unterordnung unter Osterreich los—
gemacht hat.
Eine unmittelbare Folge dieser geistigen Beanlagung des
Königs ist es dann aber auch gewesen, daß das preußische
Vorgehen zur Erringung einer nationalen Einheit scheiterte, ja
dem Lande und seinem Herrscher die schlimmsten Demütigungen
zuzog.
Der erste Versuch Preußens, eine Reichsverfassung durch
freie Verhandlungen mit den Einzelstaaten zu erreichen, begann
zu einer in gewissem Sinne nicht ungünstigen Zeit. Zwar
zürnten die Einzelstaaten Friedrich Wilhelm IV. wegen seiner