Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 121

zu entscheidenden Schlägen. Die Folgen ergaben sich bald in
den deutschen Verhältnissen. Auf Anstachelung sterreichs hin
zeigten sich Bayern und Württemberg immer weniger geneigt,
in den Bund einzutreten; Sachsen und Hannover, die in
ihm waren, wurden schwierig, und als Preußen im Oktober
die Berufung des Reichstages zur Sprache brachte, legte
Hannover unter Zustimmung Sachsens Einspruch ein; ja vom
20. Oktober ab blieben die Vertreter beider Königreiche den
Sitzungen des Verwaltungsrates fern.
Preußen ließ sich indes dadurch noch nicht beirren; am
15. Januar 1850 fanden die Wahlen zum Reichstage statt.
Darauf stieg der Widerwille der österreichischen Partei wieder
um einen Grad höher; am 15. März 1850 nannte der König
von Württemberg, nachdem er anstatt des liberalen ein reaktio—
näres Ministerium berufen hatte, in einer Thronrede das
Bündnis vom 27. Mai einen künstlichen Sonderbundsversuch
und den deutschen Einheitsstaat das gefährlichste aller Traum—
bilder; und in Kurhessen trat am 23. Februar an Stelle des
liberalen Ministers Eberhard der Minister Hassenpflug: was
nur als der Beginn des Austrittes von Kurhessen aus der
opreußischen Union verstanden werden konnte.
Gleichwohl ging Preußen noch immer vorwärts. Am
20. März 1850 trat der Reichstag in Erfurt zusammen. Da
sich die Radikalen bei den Wahlen der Abstimmung enthalten
hatten, so war er mehr aristokratisch als frühere Versammlungen,
dabei reich an tüchtigen Köpfen. Man einigte sich, namentlich
anter den Anstrengungen der sogenannten Gothaer Partei, in
welcher sich die Erbkaiserlichen unter Führung des Herzogs
Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha trafen, auf die Annahme
des Verfassungsentwurfs im ganzen und erklärte auch seine
Zustimmung zu einzelnen, von den Regierungen gewünschten
Abänderungen, so daß die Verfassung der „Union“ (so nannte
man jetzt den Bund) am 29. April 1850 zustande kam.
Allein eben in diesem Augenblick schien die Existenz der
Union schon aufs ernsteste bedroht.
—D