Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 127

Jetzt allerspätestens hätte die Ehre Preußens erfordert,
durchzugreifen und loszuschlagen. Allein davon war Friedrich
Wilhelm IV. weit entfernt. Innerlich sympathisierte er keines—
wegs mit dem seiner Ansicht nach revolutionären Hessen; zu⸗
dem war sein Respekt gegenüber sterreich der alte; so wurde
er von widerstrebenden Gefühlen bewegt; und demgemäß lauteten
auch die Befehle an den preußischen Befehlshaber Grafen von
der Gröben schwankend und unbestimmt.
Während sich aber in Kurhessen so alles zuspitzte, stand
es in der schleswig-holsteinischen Frage für Preußen gleich
trostlos.
Unsere Erzählung hat die schleswig-holsteinischen Dinge
bis zu dem für Preußen unrühmlichen Waffenstillstand von
Malmö, vom 26. August 1848, verfolgt!. Auf diesen Waffen⸗
stillstand war es im Herbst 1848 zu Friedensverhandlungen ge⸗
kommen. Diese hatten indes zu keinem Ziele geführt, da sich
Dänemark in seinen Ansprüchen der Zustimmung Englands und
Rußlands und auch der Sympathie Osterreichs sicher wußte.
Und so hatten, am 3. April 1849, die kriegerischen Operationen
in den Elbherzogtümern aufs neue begonnen. Am 13. April
wurden die Düppeler Schanzen von bayerischen und sächsischen
Truppen gestürmt, am 20. April schlug der preußische General
von Bonin, Oberbefehlshaber der schleswig-holsteinischen Truppen,
die Dänen. Dann aber traten diplomatische Verhandlungen
wieder verflachend dazwischen; Preußen wünschte bei seiner
schwachen Stellung in Deutschland die Fessel des nordischen
Krieges los zu sein; es führte den Krieg matt; und die
Schleswig-Holsteiner erlitten infolgedessen bei Fredericia eine
Niederlage, 6. Juli 1849.
Die Entrüstung über diese Vorgänge war in Deutschland
schon groß; sie wuchs, als man das Ergebnis der sie begleitenden
diplomatischen Verhandlungen in dem Waffenstillstand und den
Friedenspräliminarien vom 10. Juli 1849 kennen lernte. In
ihnen wurde vorläufig die Trennung Schleswigs von Holstein

4S. oben S. 98.