Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 133

Jahrzehnte mußten die Einheit Deutschlands in der Verbindung
dieser beiden Elemente bringen, wie sie später ihren Ausdruck
in den Grundeinrichtungen des neuen Reichs, in Reichsstag und
Bundesrat, gefunden hat.
Die Zeit unmittelbar nach 1850 indes war keineswegs
durch Bestrebungen in dieser Richtung gekennzeichnet. Es folgte
vielmehr fast ein Jahrzehnt der politischen Ermattung in den
nationalen Kreisen; eine Zeit ähnlich der der zwanziger Jahre
des Jahrhunderts, nur von noch viel durchgreifenderer Ver—
weiflung: ja von völligem politischen Pessimismus.
Und da nun gleichzeitig auch die geistige Bewegung, wie
wir bald sehen werden“, auf Abwege geriet und von dem Pfade
eines gesunden Realismus abseits in Pessimismus und Mate—
rialismus versank, so wagten sich alle noch lebendigen Mächte
einer früheren, den neueren Zielen nicht zugewendeten Ver—
gangenheit hervor und suchten von neuem die Herrschaft zu ge⸗—
vinnen.

So vor allem das alte Kirchentum: evangelische Orthodoxie
und katholischer Klerikalismus. Dann nicht minder die legiti—
mistisch-absolutistische Auffassung vom Staat: und so begann
die klassische Periode der Reaktion der fünfziger Jahre.
Da traten denn nach der Wiederherstellung des Bundes—
rates und nach dem damit ausgesprochenen Siege des Legiti—
mismus vor allem die partikularen Interessen wieder in den
Vordergrund; jeder suchte sich zunächst in seinem eigenen Hause
zu helfen, und allenthalben fast, mit wenigen Ausnahmen, wie
etwa Koburg-Gothas und Weimars, griff man auf die Formen
des territorialen Staatslebens im 17. und 18. Jahrhundert
zurück. Hiergegen machten denn freilich die nationalen und
liberalen Kräfte Front. Indem sich aber auf diese Weise die
großen Gegensätze der nationalen Entwicklung auf die Einzel—
staaten übertrugen, nahmen sie zugleich mehr als bisher eine
soziale Färbung an: Träger der liberalen partikularistischen
Ideen wurde noch weit mehr und ausschließlicher als bisher

S. unten Kap. II S. 142 ff.