148 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

wicklungen eingehend dar; Purkynje sah 1825 zuerst das Keim—
»läschen, und Rudolf Wagner fand 1836 den Keimfleck.
Inzwischen aber hatte Karl Ernst von Baer (1792 -51876)
dem genetischen Gedanken in einer bestimmteren Form Bahn
geschaffen. Auch er ging dabei wesentlich von der Embryologie
aus; er war der Entdecker des Säugetiereies!, das nach ihm
den Namen Baersches Bläschen erhalten hat; und er zeigte,
daß sich die Blätter des Keimes zur Bildung des Nerven- und
Darmrohres umstülpen, worauf das sich im Gehirn und Rücken—
mark differenzierende Nervenrohr die Sinnesorgane, das in
Mundhöhle, Munddarm, Mitteldarm und Enddarm wachsende
Darmrohr die Lungen, die Leber, die Allantois als Aus—
stülpungen hervorbringt. Aber er ging weiter, indem er auf
Grund dieser und verwandter Forschungen für die Tiere schon
dier allgemeine entwicklungsgeschichtliche Kategorien und Typen
aufstellte: die der in die Länge gezogenen gegliederten Tiere,
der strahlenförmigen Tiere, der Mollusken und der Wirbeltiere.
Es war der Anfang einer natürlichen Einteilung der Tierwelt
und einer rationaleren Entwicklungsgeschichte zugleich, nachdem
Cuvier im Gegensatze zu Linné die Formenunterschiede der
einzelnen Tierklassen schon mit einem jeweils den ganzen
Organismus umfassenden anatomischen Blicke studiert und bereits
auch die paläontologische Fauna herangezogen hatte.
UÜber Baer hinaus führte sein Nachfolger in der Königs—
herger Professur, Martin Heinrich Rathke (1793—1860), der
schon vornehmlich zoologischer Anatom war. Er entdeckte in
den Embryonen der luftatmenden Tiere die Schlundspalten,
überbrückte damit die bisher zwischen den Wirbeltieren und den
Fischen angenommene Kluft, und wies nach, daß die Kiemen—
bögen der Fische bei den Wirbeltieren wenigstens in einer ge—
wissen Entwicklungsphase vorhanden sind. Es war eine der
ersten entscheidenden Tatsachen, die später die Aufstellung des
onto-phylogenetischen Gesetzes ermöglichten, wonach das höhere
Tierindividuum in seiner Entwicklung gewisse niedrigere Stufen

Pql. s. Schrift: De ovi et animalium genesi epistola, 1827.