156 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Rapitel.

zumachen imstande sei. Neben der generellen Anpassung und
Vererbung aber kam nach Darwin innerhalb des Bereiches der
einzelnen Arten auch noch ein anderes Moment in Betracht: das
Recht des Stärkeren. Im Kampfe ums Dasein bleiben ganz
allgemein die Stärkeren übrig; ihre Stärke vererbt und wird
durch Auswahl, insbesondere durch die Zuchtwahl des Stärkeren
bei der Begattung, im Daseinskampfe immer stärker: bis auch
auf diesem Wege neue Arten entstehen können.
Gewalt und List also, subjektiv betrachtet, siegen im Kampfe
ums Dasein; naturwissenschaftlich aufgefaßt diejenigen Quali—
täten, welche Zuchtwahl und Anpassung gewährleisten; und diese
Qualitäten wirken, naturwissenschaftlich betrachtet, an sich, un—
bewußt, unbedingt, auf dem Wege der Vererbung: zeitlos, ewig,
mechanisch.
Die Lehren Darwins, und zwar nicht bloß sein Nachweis
der Entwicklung an sich, sondern auch deren Begründung, wurden
zunächst überwiegend mit Enthusiasmus aufgenommen. Es war
wie eine letzte festeste Begründung der mechanischen Natur—
anschauung: schien diese durch das Gesetz von der Erhaltung
der Kraft für die anorganische Natur ein für allemal stabiliert,
so konnte es als ein fast noch größerer Triumph gelten, sie nun
auch für die lebendige Natur erwiesen zu sehen. In Deutsch⸗
land ist vor allem Ernst Haeckel (* 1834) zum begeisterten An⸗
hänger Darwins geworden; er hat nicht nur die tatsächlichen
Beobachtungen des Meisters durch das, übrigens schon vor⸗
her mehr als einmal ausgesprochene! biogenetische Grundgesetz
erweitert, wonach die Entwicklungsgeschichte eines organischen
Lebewesens (die Ontogenie) die kurze Wiederholung der
Stammesgeschichte (der Phylogenie) ist; er hat vor allem auch
in seiner „Natürlichen Schöpfungsgeschichte“, die im Jahre 1868
erschien, das Bild der Entwicklung der Arten selbst zu ent—
rollen gesucht, indem er den Begriff der Vererbung viel mehr
betonte als Darwin. Neben Haeckel hat dann besonders noch

So von Friedrich Meckel in feinem „System der vergleichenden
Anatomie“ (1830). S. auch oben S. 148.