—160 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Napitel.

Zunächst versuchte allerdings Berzelius auch jetzt noch einmal
das von ihm nur für die anorganische Chemie aufgestellte binäre
elektrochemische System selbst für die organischen Verbindungen
als brauchbar, ja notwendig zu erweisen; und eine Zeitlang
wurde die organische Chemie von diesem Gesichtspunkte aus
wohl auch als Chemie der zusammengesetzten Radikale bezeichnet.
Allein bald zeigte sich, daß fundamentale Erscheinungen der
neuen Wissenschaft mit diesem Systeme unvereinbar waren.
Zunächst ergab sich eine steigende Unsicherheit für die Unter—
bringung von neuen Tatsachen in dem alten Formelwes en; nirgends
reichte dieses mehr aus, und die Unbestimmtheit in der Definition
neuer Erscheinungen infolge unzureichender Beschreibung erwies
sich früh als ergiebiger Boden für gelehrten Streit. Dann
aber kam es, zuerst im elektrischen Bereiche der Theorie, zu
unmittelbaren, unlösbaren Widersprüchen. Da war 3. B.
Wasserstoff als positives, Chlor als negatives Element ein—
geordnet. Nun zeigte sich aber, daß sich in gewissen organischen
Verbindungen Chlor und Wasserstoff gegenseitig vertreten, sich
substituieren konnten! Es war eine mit den Grundarxiomen der
Lehren von Berzelius unvereinbare Tatsache. Und so begann denn
allmählich ein Kampf zwischen den Vertretern der alten und der
neuen Richtung, in dem der Altmeister schließlich unterlag, die
Organiker aber, vornweg Liebig, siegten. Nach gewonnener Schlacht
aber kam es dann freilich vor allem darauf an, an Stelle der
elektrochemisch-dualistischen Theorie der anorganischen Chemie von
Berzelius eine neue Theorie nunmehr der organischen Chemie zu
setzen. Es geschah nicht ohne starken Einfluß noch der besiegten
Lehre selbst insofern, als man die ihr speziell zugrunde liegenden
Tatsachen, besonders die der binären Verbindung der Salze,
allzusehr zurückschob. Im ührigen aber hatte man sich für die
Fundamentierung der neuen Theorie natürlich an die im Kampfe
neu entwickelten Begriffe zu halten. Und da stand nun ganz im
Vordergrunde der Begriff der Vertretung. Man nahm da an,
daß wenn sich selbst so verschiedengeartete Elemente, wie Chlor
und Wasserstoff, in gewissen Verbindungen vertreten könnten,
dies mit ähnlicheren Elementen erst recht der Fall sein müßte.