166 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

her, der auch von Kolbe nicht herangezogen oder weiter durch—
gearbeitet wurde, obwohl sein Besonderes war, daß er sich schon
auf dem Gebiete der anorganischen Chemie bilden ließ und
auch längst gebildet hatte. Hat man zwei verschiedene Grund⸗—
stoffe a und b, so kann sich ein Atom a mit einer be—
stimmten Anzahl von Atomen des Elementes bzu einem neuen
Körper verbinden: es besitzt in dieser Hinsicht, wie Williamson
es schon 1851 ausgedrückt hatte, eine gewisse Sättigungsfähigkeit.
Hatte man diese Tatsache längst gekannt, so kam man doch
erst jetzt darauf, die sogenannte Valenz wirklich auszumitteln,
d. h. die Zahlen festzustellen, welche das Zusammentreten eines
Elementes mit Atomen anderer Elemente zu einer neuen Ver—
bindung regeln: und damit einen Faktor zu gewinnen, von dem
aus eine systematische Einsicht in die Molekular- und Lagerungs—
verhältnisse der Atome erreicht werden konnte. Gleichwohl
machten die Versuche, auf diesem Gebiete vorzudringen, nicht
besondere Fortschritte, bis Kekuls den Kohlenstoff in dieser
Hinsicht untersuchte. Er fand ihn, den für die organische
Chemie grundlegenden Stoff, vieratomig. Wie auch der Stoff
beschaffen sein mag, der sich mit Kohlenstoff verbindet: addiert
man die Anzahl der Atome dieses Stoffes, welche zu einem
einzigen Atome Kohlenstoff hinzutreten, stets kommt die Zahl 4
heraus. Damit war die Grundlage einer neuen atomisti—
schen Systematik der organischen Chemie, ja der Chemie über—
haupt, gewonnen. Denn nachdem die Valenzen des Kohlen—
stoffes gefunden waren, ließen sich auch die anderen Valenzen
leichter aufstellen. Standen aber die Valenzen fest, so ließen
sich durch sie Typen bilden, welche nicht mehr der Vieldeutigkeit
der alten Typen der Theorie Gerhardts und Laurents unterlagen.
Dabei war der oberste Grundsatz der, daß eine gegebene Ver—
bindung so vielen verschiedenen Typen angehörte, als Wertig—
keiten von den in ihr enthaltenen Elementen betätigt wurden:
oder noch allgemeiner, daß sie allen Typen aufwärts bis zu
dem des höchstwertigen Elementes angehörte, das sie enthält.
Die auf Grund dieser Vorstellungen durchgebildete Lehre
pflegt man als Strukturtheorie zu bezeichnen; sie hat auf der