168 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

hunderts fehlten in den sechziger und siebziger Jahren des
19. Jahrhunderts nicht. Man hat dann freilich den Schwierig—
keiten, die sich immer mehr häuften, durch eine stereometrische
Anordnung der kleinsten Teilchen im unendlichen Raume zu
begegnen gesucht. So entstand, wesentlich durch van t'Hoff
seit 1874 begründet, die besondere Disziplin der Stereochemie,
deren wichtigster selbständiger Vertreter in Deutschland Wislicenus
(1835 1902) gewesen ist, und die sich noch heute einer glück—
lichen Fortbildung durch Hantzsch (* 1857) erfreut.
Daß indessen mit dieser Lehre eine letzte Lösung gegeben sei, ist
nicht wahrscheinlich. Bezeichnend ist, daß schon Wislicenus nicht
ohne Voraussetzung besonderer, Richtung gebender Affinitäts—
energien auskommen zu können glaubte. Anderen schien die auf—
fallende Erscheinung der Tautomerie auf einen Schwingungs⸗
zustand der Atome hinzuweisen. Und so ergab sich denn die
Notwendigkeit immer dringlicher, Bewegungshypothesen zu Hilfe
zu nehmen: eine Fortbildungsrichtung, die, wenn durchgeführt,
am Ende die Überführung der chemischen Wissenschaft in eine
ganz neue Periode ihrer Entwicklung bedeuten würde.
Blickt man indes auf die Lage der chemischen Wissenschaft
gegen Schluß der ersten Periode des Subjektivismus zurück, so
ging ihre Theorie gegen Ende der fünfziger und in den sechziger
Jahren anscheinend einer völlig klaren Entwicklung in der Durch⸗
bildung einer quantitativ charakterisierten Atomtheorie ent—
gegen: und so schien es, als sei auch auf diesem Gebiete wie
auf dem der Physik und der organischen Naturwissenschaften
ein gewisser Abschluß der Zeiten gekommen. Und hier wie
dort kennzeichnete dieser sich durch eine Anzahl ganz allgemein
entwicklungsgeschichtlich wichtiger Eigenschaften, deren Ganzes
auf das philosophische wie das geisteswissenschaftliche Denken
schon deshalb großen Einfluß üben mußte, weil es das klarste
und fortgeschrittenste wissenschaftliche Denken überhaupt darstellte.
Wie die anorganische Naturwissenschaft der zwanziger bis
siebziger Jahre, so hatten jetzt auch die organischen Disziplinen
und die Biologie dieser Zeit ein Prinzip des Starren, Statischen,
wohl Genetischen, aber nicht Evolutionistischen in sich entwickelt.