176 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Napitel.

traf das Mißgeschick auch diese Wissenschaften wenigstens teil⸗
weise mit. Dabei handelte es sich um einen nur schwer zu
beseitigenden und tatsächlich auch erst im jüngsten Verlaufe der
zweiten Periode des Subjektivismus gelösten Zusammenhang.
Das junge Emporblühen der klassischen Philologie hatle
darin seinen entscheidenden Ausdruck gefunden, daß diese
Philologie zur Altertumswissenschaft, zur umfassenden Geschichte
der antiken Völker erweitert worden war: es war, wenn auch
in verschiedener Fassung, das gemeinsame Programm der
Friedrich August Wolf, Welcker, Ottfried Müller gewesen. Ließ
sich nun aber ein energisches Fortschreiten auf dieser Bahn
mit der Stellung vereinigen, die dem klassischen Altertum im
Gymnasium angewiesen wurde? Jeder Schulstoff empfängt
innerhalb eines wesentlich intellektualistisch aufgebauten Unter—
richtswesens an sich allmählich und unweigerlich eine dogmatische
Prägung: denn er muß unbedingt angeeignet werden und er—
fordert darum autoritäre Geltung. Diese Stellung aber fiel
dem klassischen Altertum in dem Gymnasium der dreißiger bis
fünfziger und sechziger Jahre um so eher zu, als dieses eine
mit den Lehren, insbesondere auch den Offenbarungslehren —
also geschichtlichen Stoffen — des Christentums parallele Stellung
erhielt: ganz unvermeidbar erschien also seine Dogmatisierung.
Dogmatifierung eines historischen Stoffes? ... wird man
in diesem Augenblicke fragen. Es ist klar, wie damit, daß sie
eintrat, der wissenschaftlich- historische Charakter der klassischen
Altertumswissenschaft mindestens im Lehrbetrieb der Gymnafien
unheilbar geschädigt wurde; und bald haben sich die Folgen
davon denn auch im inneren Verfalle der Gymnasien geäußert.
Allein die Konsequenzen griffen weiter. Da der Betrieb der
ohilologischen Wissenschaft an den Universitäten unter der Ent—
wicklung des Gymnasiums zur einzigen oder wenigstens zur
vornehmlich privilegierten Mittelschule den Charakter eines an—
gewandten Wissenschaftsbetriebes, also ein polytechnisches Wesen
anzunehmen drohte, so färbte selbstverstäudlich die gymnasiale
Auffassung auf die universitäre ab: und der historische Charakter
der Altertumswissenschaft erschien durch auffsteigende dogmatische