178 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Stellung selbst mit den Worten charakterisiert!: „Seitdem die
kritische Behandlung der Historie und des Altertums erwacht
ist, wird es immer mehr erkannt, daß auch das fleißigste
Studium der Quellen kein Licht und keine Wahrheit gewähren
kann, wenn der Leser nicht den Standpunkt faßt, von wo, und
die Media kennt, wodurch der Schriftsteller sah, dessen Berichte
ex vernimmt.“ Es war, wie bei Herder für das Ganze der
geschichtlichen Anschauung, so bei Niebuhr für die Quellenkunde
und die Ausbeutung der Quellen die Anerkennung des sozial—
psychologischen, kulturgeschichtlichen Standpunkts: nur durch
—
Und wiederum einmal zeigte sich, daß eine neue Geschichts—
auffassung sich immer nur auf einer neuen und tieferen Er—
gründung und Interpretation der Quellen aufbauen kann und
auferbaut. Während Herders Anregungen als Ganzes mehr
verflossen, als daß sie, wenigstens alsbald und in den Gene—
rationen unmittelbar nach ihrer Verlautbarung, die Geschichts—
wissenschaft sichtlich und entscheidend beeinflußt hätten, brachte
es die neue Betrachtungsweise der Quellen durch Niebuhr, wenn
auch langsam, so doch schließlich unbedingt zu durchgreifender
Herrschaft. Und mochte und mag dabei für so manchen Forscher
das Wort Goethes gelten: „Der gemeine Wissenschaftler hält
alles für überlieferbar und fühlt nicht, daß die Niedrigkeit seiner
Ansichten ihn sogar das eigentlich Überlieferbare nicht fassen
läßt“: für Ranke war es das erste große Ereignis seiner wissen—
schaftlichen Entwicklung, daß er sich durchaus der Niebuhrschen
Methode und im allgemeinen doch auch der Anschauungsweise
Herders bemächtigte.
Inzwischen waren aber auch die Einflüsse Kants und der
Identitätsphilosophie ins Leben getreten. Kant hatte, von
Problemen der praktischen Philosophie her, vor allem aus
der Ethik und der Politik, den Staat ganz in den Vorder—⸗
grund des historischen Interesses geschoben, so sehr er dessen
Notwendigkeit für den einstigen Abschluß der Zeiten ver—

Aleine Schriften J S. 132.