180 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

gnadete Stellung vor allem der Geschichtschreibung, so begreift
man, was es für einen wahren Geschichtschreiber von der
Phantasiestärke Rankes bedeuten mußte, wenn ihm in Staat
und Idee zugleich sichere und weite Anhaltspunkte einer begriff⸗
lichen historischen Auffassung zur Verfügung gestellt wurden. Er
sah seine Einbildungskraft im Nahen wie im Fernen dressiert;
er fühlte sich wohl in selbsterrichteter Schranke; und er schuf
in diesem Bereiche durch die Tage eines langen Lebens hin
Unsterbliches.
Aber konnte diese Gunst der Umstände fortwähren, als-die
Entwicklung der Wissenschaften in die Periode des Realismus
rintrat?
Wir sehen, wie sich die Linien der bisher festen theoretisch—
methodischen Gängelbänder wie die weiten Flächen der Grund—
inschauungen alsbald verkürzen. Was wollten Freytag und
Riehl neben Herder besagen? Beide betrieben Kulturgeschichte
im Grunde antiquarisch; das einzelne gewann bei ihnen an
Leben bis zu dem Gedanken Freytags, in seinen Bildern aus
der deutschen Vergangenheit vor allem doch die Quellen selbst
reden zu lassen: die großen Perspektiven verschwanden. Für
Riehl gar ist es charakteristisch, daß er es als Dichter nie zu
einem größeren Romane, also dem Versuche der gesamtpsychischen
Schilderung einer Zeit, sondern nur zu Novellen, an sich gewiß
sehr artigen Kabinettsbildern, gebracht hat. Und so verkriecht
sich die kulturgeschichtliche Forschung überhaupt unter dem Vor—
geben der Exaktheit ins Kleine, in Folklore und Quellenedition,
ohne zu sehen, daß sie dadurch gedankenlos und antiquarisch
wird; bedenklich nahen sich die Beziehungen zum Kunstgewerbe
und zum Bric-à-brac-Handel, und eine Schilderung in Fresko
heginnt als unmoralisch zu gelten. Aber selbst die scharfen und
zinfachen Errungenschaften der Quellenmethode Niebuhrs werden
aicht festgehalten. Die „Historische Zeitschrift“ das Hauptorgan
der neuen realistischen Geschichtswissenschaft, kann einem langen
Streite zwischen Zeller und Ritschl, einem in Gegensatz zur
Tübinger Schule geratenden Jünger Baurs, über das Wunder
in der Geschichte, insbesondere in der christlichen Offenbarungs⸗