Ooller Realismus.

181

geschichte, Raum geben; und Ritschl trägt zur Rettung des
Wunders allerlei Sophistikationen eines wunderlichen In—
tellektes vor.
Ließ sich da denken, daß die Ideenlehre in ihrer alten
Wucht und Erhabenheit erhalten blieb? Stark betonte man
jetzt das Einseitige, Supranaturalistische, wohl gar auch von
Schelling oder Hegel Abhängige ihres Charakters, ohne ihre
die Intuition stark anregenden Eigenschaften, ja auch nur die
streng methodologische Seite ihres Wesens, die höhere Zu—
sammenfassung einer niedrigeren Begriffswelt, genügend zu
würdigen. Und so geriet die Ideenlehre allmählich ins Hinter—
treffen. Zunächst ging dabei natürlich ihr transzendenter
Charakter verloren. Man konnte darin noch einen historischen
Gewinn sehen. Denn transzendent gedacht bewegten sich die
Ideen nur zu leicht ganz über dem Kreise des rein Mensch—
lichen, ohne mit ihm in ständige Verbindung zu geraten: und
erschien mithin menschliches Tun nur zu oft als schemenhaft
und seiner eigentlichen, ihm innewohnenden Bedeutung ent—
fleidet. Indem man also statt dessen die Immanenz erklärte,
nicht aber zugleich einer monistischen Weltanschauung zustrebte
oder anhing, lag es nahe, daß der Gebrauch der Idee ins
Spielerische entartete.
So hat Giesebrecht wohl von dem „Leben großer Nationen“
gesprochen, „in denen die Gedanken Gottes sich gleichsam
verkörpern“. Es ist klar, daß mit Analogievorstellungen dieser
Art wissenschaftlicher Ernst nicht verträglich ist. Ging man
nun aber zur vollen Immanenz der Idee über, so geriet man
fast unbedingt so sehr unter die Wucht einer einzigen leitenden
Tendenz, da nunmehr die heitere Freiheit transzendenter An⸗
nahmen abgestreift war, daß sich das historische Verständnis
im höchsten Grade verengte und einseitiger Rigorismus Platz
griff. Es ist der Fehler, den die meisten Geschichtswerke des
Realismus, die sich der Ideenlehre bedienen, aufweisen: und
zwar nicht bloß in der Blütezeit des Realismus, in den fünf—

Historische Zeitschrift J, 8.