188 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Richtung auf die literarisch-kritischen Handgriffe den gesunden
historischen Sinn in der deutschen Nation tötet. Die doktri—
nären Parteien unseres heutigen Parlamentarismus sind die
Produkte dieser mangelhaften historischen Heranbildung“: — so
hat 1886 Lorenz getadelt?. Darüber hinaus aber darf man
heute sagen, daß die immer stärkere Verkürzung des wissen—
schaftlichen Horizontes eine Weiterentwicklung der geschichtlichen
Studien allmählich überhaupt auszuschließen drohte: denn da
die Geschichtswissenschaft die spezifische Wissenschaft vom Ver—
laufe der Dinge in der Zeit ist, so begreift sich, daß eine
Schule, deren Forschungen sich schließlich in stetig verkürzten
Zeiträumen bewegten, nicht in der Lage war, die größeren
Probleme dieser Wissenschaft auch nur aufzustellen, geschweige
denn zu lösen.
Im allgemeinen aber riß die führende Stellung der poli—
tischen Geschichte in den vierziger bis achtziger Jahren zunächst
auch die anderen Zweige der Geschichtsforschung zum großen
Teile mit sich; und so verflachten auch diese; in den Gebieten
der Geschichte der Phantasietätigkeit zum Beispiel, in der Kunst⸗
zgeschichte und in der Geschichte der Dichtung, ja sogar in der
der Musik zeigte sich eine oberflächlich ästhetisierende Betrachtung
und eine Vorliebe für das Biographische bis hin zu anekdo—
tischen Neigungen. Vor allem aber ging mit der Verkürzung
des weiten Blickes der eigentlich evolutionistische Instinkt, die
große Errungenschaft des Frühsubjektivismus und der Romantik,
verloren. Ähnlich wie auf dem Gebiete der Naturwissenschaften
wurde er bestenfalls durch eine genetische Betrachtungsweise ersetzt,
die wohl die nächstbenachbarten Geschehnisse noch durch Kausal⸗
oder Motivenreihen zu verknüpfen suchte, sich aber jedes weiteren
Vergleiches und Auffassungsversuches begab. Ja was anfangs
nicht zu vermeidende Verfallserscheinung war, wurde am Ende gar
als Errungenschaft gepriesen: und das Persönlich-Individuelle
erschien als das eigentlich Lebendige der Geschichte. Es war
ein Standpunkt, der natürlich nicht minder, wie die Verkürzung

A. a. O S. V.