Voller Realismus.

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wir schon früher gesehen haben!, waren sie fast schon seit Be—
ginn des 19. Jahrhunderts, ja vereinzelt schon in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts, demokratische Offenbarungen, recht
eigentlich die Kunst des aufstrebenden Teils der Nation, des
Bürgertums. In diesem Zusammenhange wirkten sie nun aber
nicht eigentlich als reinste anschauliche Schöpfungen: selbst vom
Kupferstich ließe sich das nicht sagen und noch viel weniger
von der Radierung oder gar von der Lithographie und dem
Holzschnitt. Denn die Zeichnung, die ihnen schließlich allen
zugrunde liegt, die Kunst des Griffels, ist nicht nur ein Hilfs—
mittel zur Wiedergabe bloßer Anschauung, sondern zugleich
ein halb vergeistigtes, sozusagen ein wenig intellektualisiertes
Werkzeug, das den Inhalt stark zu betonen pflegt. Man be—
greift daher, wie gerade dieser ihr Charakter in Zeiten wirken
mußte, in denen der Intellektualismus zu führen begann. Ihre
eben in diesem Sinne noch immer zunehmende Wichtigkeit be—
zeichnete recht eigentlich die am weitesten vorwärts führenden
Pfade der demokratischen Kunst der Revolution und der aus—
zgehenden ersten Periode des Subjektivismus. Und so trat
denn ihre Brauchbarkeit für besondere Zwecke einer stark gegen—
ständlichen Phantasie, insbesondere für die Übertreibung, immer
mehr in den Vordergrund: und die Karikatur wurde zum be—
sonderen Kennzeichen dieser Entwicklung.
Die europäische Karikatur der Neuzeit hat freilich ihre
Geburtsstätte nicht in Deutschland gehabt. Wie sich der atlan—
tische Westen seit dem 16. und 17. Jahrhundert ganz allgemein
früher und rascher entwickelt hat als die Länder der Mitte, so
sind England und Frankreich zu Wiegen auch dieser Kunst ge⸗
worden. In England knüpften Männer wie Rowlandson und
Cruikshank mit ihrer klobigen Satire noch unmittelbar an
Hogarth an?. Abgemessener, feiner, nationaler wurde dann die
neue Kunst in dem 1841 gegründeten Punch gehandhabt; da
arbeitete neben Cruikshank John Leech, und seine einfache,

Bd. X S. 262f.
2 S. dazu Bd. VIII, 2, 262 f.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XI, 1.