198 cFünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Eigneten sie sich aber den neuen Inhalt und die neue
Form über die eigene Vergangenheit hinaus nur aus der
Fremde an? Die französische Entwicklung führte in diesem
Momente selbst zu Historie und Kolorismus. Denn die zwanziger
Jahre waren es, in denen, neben allem Aufschwunge einer
romantischen Dichtung, auch die romantische Geschichtschreibung
der Franzosen emporkam. Und so erstaunt es nicht weiter,
fünf Jahre nach dem Erscheinen von Guizots „Geschichte der
englischen Revolution“, 1831, über Géricault und Delacroix
hinaus Delaroche mit Bildern aus dem Leben Cromwells
und Karls J. als ersten großen Werken der neuen Kom—
bination auftreten zu sehen. Und von da an gingen dann
französische Geschichtswissenschaft und französische Malerei auf
lange Zeit zusammen; und indem sich die Materien der
Geschichtsforschung von Jahrzehnt zu Jahrzehnt erweiterten,
beherrschte das Historienbild einen nicht minder wachsenden
Kreis von Tatsachen: bis es, in den dekadenten Jahren des
zweiten Kaiserreichs, Schauderszenen und in Leichenkult
schwelgende Stoffe bevorzugte, in denen Nero und die In—⸗
quisition, Greuel der Merowingerzeit und die Märtyrer ab—
stoßender Askesen des Mittelalters eine widerwärtige Rolle
spielten.

Ehe aber dieser Verfall eintrat, mit dem eine wollüstige
Ausbeutung der inzwischen erschlossenen Farbenwelt Hand in
Hand ging und den Beweis lieferte, daß an der Seine wie
am Rhein ein ideenloser Realismus schließlich auch in der
Kunst zu sittlicher Verderbnis geneigt macht, hatte die franzö—
sische Bewegung, bereits seit den dreißiger Jahren, die vlämisch—
germanische Kunst Belgiens wie so oft schon früher eingehend
befruchten helfen.
Die vlämische Kunst hatte noch gegen Ausgang des
18. Jahrhunderts von den Überlieferungen der großen Ver—
gangenheit gelebt, der Zeit, da die St. Lukasgilde von Ant—
werpen die angesehenste Malergenossenschaft Europas gewesen
war. So malte zum Beispiel Herreyns, seit 1800 Direktor der
Antwerpener Akademie, noch wie ein verspäteter Jordaens. Doch