Voller Realismus.

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Lessing sah sich jetzt nicht bloß gefördert, sondern gleichsam
auch gerechtfertigt auf dem Wege, den er für das Historienbild
bereits betreten hatte; und er schuf nun ganz den Vlamen
analog zwar historisch, aber zugleich hinein in die Tages—
ereignisse und den Kampf der öffentlichen Meinung. Bilder
wie sein „Huß vor dem Konzil“ (1847) und sein „Huß auf
dem Scheiterhaufen“ (1850) sollten nicht bloß Kunstwerke sein;
sie nahmen auch Partei gegen den Klerikalismus und damit
zugleich, wie die Dinge nunmehr lagen, gegen die Frömmig-—
keit und schließlich das ganze System der Nazarener; das Bild
von 1850 wurde von einem Fanatiker zerschnitten; als das
Bild von 1847 in Frankfurt a. M. gekauft wurde, legte Veit
sein Amt als Museumsdirektor nieder, während der katholisch
gewordene Schadow schon längst auf jeden Verkehr mit dem
Maler der Reformationsgeschichte verzichtet hatte. Es war ein
neuer, unbändiger, intellektualistisch-politischer Geist, der, ein
künstlerisch fremdes Element, doch an die Geschichtschreibung der
Historisch-politischen Schule in ihrem Verhältnis zur Geschichts—
wissenschaft erinnernd, jetzt in die Historienmalerei einzog; und
er war von nun ab auf lange nicht mehr gänzlich zu bannen.
Auf dem eigentlich technischen, dem malerischen und kolo—
ristischen Gebiete aber konnte man sich einstweilen, gegenüber
dem gewaltigen Vorsprung der Kunst jenseits der Westgrenze,
nur dadurch helfen, daß man ziemlich voraussetzungslos bei
Vlamen und bei Franzosen in die Schule ging, und daß man
bald auch mehr als bisher bei den lang verpönten farbenreichen
Alten, bei Rubens und seiner Schule, zu lernen begann. Und so
führte sich denn schon in den vierziger Jahren das Wallfahren
deutscher Maler nach Brüssel, Antwerpen, Paris, in die Werk—
stätten von Gallait, von Wappers, von Delaroche ein. In den
fünfziger Jahren aber wurde der Hauptlehrer der deutschen
Maler der übrigens auch von Franzosen viel aufgesuchte
Thomas Couture, den man in seinem Kolossalbild „Römer in
der Verfallszeit“ vom Jahre 1847, das jetzt im Louvre hängt,
von vorteilhafter Seite kennen lernt. Bezeichnend für ihn war,
daß er den starken Kolorismus der französischen Romantik