202 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

mit den gemäßigteren Anforderungen des Historismus an Pose
und „Typik“, d. h. Verblasenheit der Charakteristik, zu ver⸗
binden wußte. Und merkwürdig blieb, daß schließlich vor allem
Norddeutsche, junge Leute aus Berlin besonders, dem Orte der
künstlerischen Tätigkeit von Cornelius, den Weg nach Westen
zogen: so erschienen in Paris seit Beginn der fünfziger Jahre
und von da an bis zum Kriege von 1870 u. a. Julius Schrader,
Becker, Knaus, Steffeck, Gustav Richter, Henneberg, Gentz,
Anton von Werner, Paul Meyerheim, und auch religiöse Maler,
wie Plockhorst und Spangenberg, wanderten die gleiche Straße.
Ist nun aus diesen Zusammenhängen eine neue große wahr—
haft deutsche Malerei hervorgegangen? Es hätte nur der Fall
sein können, wenn man den französisch-vlämischen Kolorismus
nicht bloß sich angeeignet, sondern auch übertroffen hätte. Aber
dazu erwiesen sich die jungen deutschen Maler noch keineswegs
als fähig.
Zunächst waren sie noch weit entfernt davon, die leitenden
Tendenzen der Gedankenmalerei der Nazarener und Klassizisten
gänzlich abgeschüttelt zu haben: ja gerade die große Historien—
kunst erschien ihnen noch vor allem als Darstellung bestimmter,
diesmal zwar nicht unanschaulich philosophischer oder dogma—
tischer, wohl aber anschaulich-historischer Ideen. Solche Ideen
und damit ein erster Ursprung des Schaffens nicht aus der
sinnlich-augenfälligen Anschauung, sondern aus der Vernunft
her wurde aber auch noch vom Publikum verlangt: sowohl
von dem alten fürstlichen und kirchlichen Mäzenat, dem diese
Forderung von alters her familiär war, wie auch von der
spärlich heranwachsenden bürgerlichen Gönnerschaft, die zu bloß
künstlerischen Schauen noch kaum erzogen war und vor allem
dem Inhalt des Bildes nachging. Wie hätte da nun, unter
dem Drucke dieses Zustandes, ein frischer, voraussetzungsloser,
vornehmlich nationaler Kolorismus emporbrechen sollen? Im
Grunde blieb man bei der von den belgischen und französischen
Akademikern geübten Malweise: modellierte den Raum, den
ein gedanklich arrangierter Inhalt füllen sollte, mitsamt den
darin gegebenen Figuren in einem gleichmäßig dunkeln, bald