204 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

hin; und indem er die damit auftauchenden Probleme bei den
Niederländern und auch bei gewissen Italienern, Correggio z. B.,
gelöst glaubte, wies er seine Schüler unmittelbar an diese
Alten. Und mehr: als großer Lehrer war er nicht einseitig.
Er ließ den verschiedensten Individualitäten seiner Schüler
ihren Lauf und half ihnen den Weg finden, indem er sie kon—
genialen Meistern der Vergangenheit nahebrachte, ohne des—
halb zu verwerfen, was sie Gutes aus Eigenem und aus einer
intensiven Betrachtung der malerischen Gegenwart hinzufügten.
Damit wurde denn, zunächst für die Münchener Kunst,
bald aber auch über deren engere Kreise hinaus ein verhältnis—
mäßig schon freierer Anschluß der Malerei an die Malschulen
und großen Künstler der Vergangenheit gewonnen, die die letzte
und höchste Etappe des Vordringens zu jener Welt hin ein—
genommen hatten, die vom künstlerischen Auge der Gegenwart
gesehen zu werden begann: über die Zeiten der klassizistisch—
romantischen Umrißmalerei hinweg knüpfte man an die Perioden
der Vergangenheit an, in denen man Ton fand, in denen
bereits das Problem bestimmter Licht- und Schattenwirkungen
studiert erschien. Und daraufhin ergab sich denn eine ungemein
rege Tätigkeit: der feste Boden eines höheren Kolorismus war
gewonnen. Zunächst freilich im Bereiche nur der Historien—
malerei; doch auch die anderen Gebiete der Malkunst wandten
sich allmählich den neuen Zielen zu.
Freilich: auch dieser neue Boden begrenzte doch noch
immer das künstlerische Auge; nur zu leicht hielt er es ab vom
Studium der reinen Natur; nur eine Steigerung der verhältnis—
mäßig noch geringen künstlerischen Durchbildung innerhalb der
von der alten Malerei namentlich des 16. und 17. Jahrhunderts
durchlaufenen Entwicklungsstufen von den ersten Anfängen der
Lichtwiedergabe bis zum Ausdruck gebundener Lichtführung ließ
sich erzielen: künstlerische Regungen, die über dieses klar und
sorgsam, aber auch eng begrenzte Programm hinausgingen,
wurden eher geschädigt als gefördert: und so bildete diese Ent—
wicklung, wie sie durch eine Übertragung sozusagen des Historis⸗
mus vom Inhaͤltlichen des Bildes auf dessen anschauliche Kon—