208 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

gelang selbst auch dies kaum den Besten: zumeist schien dennoch
der malende Städter hindurch, so verstandesgemäß bei Knaus,
durch eine Schicht von Gemüt und Temperament bei Vautier:
und unbewußt, fast gänzlich objektiv war eigentlich nur Defregger
und darum der stilvollste und größte unter den Genannten.
Noch weniger aber gelang der eigentlich künstlerische, technische
Realismus. Man ging wohl aufs Land und machte realistische
Skizzen von Einzelheiten und Einzelfiguren. Aber dann kam
der Einfluß der Alten und der Historienmalerei. In der Werk—
statt wurden die Details zusammenkomponiert und erhielten
altmeisterlichen Ton. Und auch wo man anders arbeitete, waren
doch realistische Detailskizze und werkstattliche Komposition des
Ganzen gleich unausbleibliche Bestandteile des Verfahrens.
Im übrigen wurde der Inhalt des Sittenbildes allerdings
viel mannigfaltiger: neben die Bauernmalerei trat das bürger⸗
liche Genre und das Genre der verschiedenen Berufsarten: bis
eine außerordentliche Differenzierung der stofflichen Gebiete er—
reicht war. In gewissem Sinne der typische Vertreter und
technisch gewiß der Hauptmeister dieser neuen Sittenmalerei war
dabei Louis Knaus, von Düsseldorf ausgehend, aber fruh an
den Niederländern gebildet, dann, seit 1832, acht Jahre lang in
Paris: ein feiner Kolorist von vornehmem Gesamtton; später
in dem ihm kongenialen Berlin von ein wenig aufdringlicher
Tendenz, zuspitzender Schärfe und berechnender Komik; am
natürlichsten vielleicht in seinen Kinderbildern, wenngleich auch
hier noch gelegentlich etwas von hahnebüchener Charakteristik
durchbricht. Neben Knaus kann Vautier nicht als Kolorist, sondern
nur als koloristischer Zeichner gelten. Aber er ist unmittelbar,
gemütsfrisch, träumerisch, feinfühlig für die Empfindungen von
Gestalten, die ihm innerlich nahestehen, und auch das Kleine
intim durchdringend. Defregger endlich, 1835 geboren, bekannt
seit 1869, war der letzte der großen Genremaler dieser Periode.
Technisch hinter Knaus wie Vautier zurückbleibend, hart, trocken
und ängstlich in der Farbe, aber innerlich noch gesünder als
selbst Vautier, steht er mit dem Herzen auf seiten der Bauern,
die er malt: man sieht, daß er bis zum fünfzehnten Jahre