210 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

wandte er diese Mittel überaus geschickt an und zwang ihnen
durch geistreiche Kombinationen neue, freilich in der Natur
schwerlich zu beobachtende, zumeist gelblich-bräunlich-goldige
Wirkungen ab. Doch war bei der Art, wie gerade er das
Bildnis faßte, der Charakter der angewandten Darstellungs⸗
mittel, insbesondere auch ihr Verhältnis zu den impressionistischen
Problemen der zweiten Periode des Subjektivismus verhältnis—
mäßig gleichgültig. Denn Lenbach malte überhaupt eigentlich
nur die Augenpartie, also einen kleinen Teil des Kopfes, wirk—
lich eingehend; schon die anderen Teile des Kopfes erscheinen,
wenigstens in den Bildern seiner reifsten Zeit, fast nur noch
angelegt, und das übrige gar ist nur stkizziert, und zwar in
neutralen Tönen, damit die Unvollendung weniger auffalle.
Weiterhin war der Meister selbst eine starke Persönlichkeit, und
diese tritt darum in allen seinen Bildern hervor: nur der Ein—
druck ist wiedergegeben, den der Maler von der dargestellten
Person empfunden hat. So weiß denn Lenbach mit leeren
Gesichtern wenig anzufangen; seine Bildnisse von Kindern und
blühenden schönen Frauen, namentlich aus der späteren Zeit,
zeigen Manier und vages Gepinsel. Altere Frauenköpfe dagegen
und erfahrungsreiche Männergesichter sind seine eigentlichste
Domäne. Hier herrscht er unbedingt und gibt mit Sicherheit
und außerordentlichem Treffen des Stimmungsvollen den Typ
der Persönlichkeit wieder, der ihm aus den Einzelmomenten
seines Verkehrs mit dieser hervortritt. Bei solchen — wie man
will: Reduktionen oder Konzentrationen der Aufgabe des
Bildnismalers spielen denn die Fragen größerer Raumvertiefung
und bestimmterer Belichtung eine untergeordnetere Rolle. Zu⸗
gleich aber ergibt sich aus alledem das eigentliche Wesen der
Malerei Lenbachs: sie ist inhaltlich höchst fortgeschritten, höchst
subjektiv: sie gibt sich bei aller altmeisterlichen Technik gleich⸗
sam als ein gedanklicher Impressionismus. Lenbach ragte
damit von den großen Meistern der fünfziger Jahre entwicklungs⸗
geschichtlich am weitesten nach vorwärts und vermochte mit fast
vollem Erfolge die technischen Voraussetzungen zu überleben, auf
deren Grund er zu schaffen begonnen hatte.