212 Ffünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

in deren Wiedergabe nun endlich ein stärkerer Realismus hätte
zur Geltung gelangen können, sich jetzt rasch in wenig Stunden
in die Rolle von würdevollen Königen und trutzigen Feldherren,
von lebensfrohen Kuünstlern und grübelnden Gelehrten, von
intriganten Maitressen und edlen Fürstinnen hineinfinden, die
ihnen vermöge ihres äußeren Kostüms auferlegt wurde! Es
erging ihnen wie den armseligen Figuranten des Theaters;
nicht mit dem Anstand von Helden und Primadonnen, sondern
nur zu oft mit der berufsmäßigen Grazie von Choristen und
Choristinnen agierten sie. Der Maler aber wurde in diesem
ganzen Wesen schließlich nur zu leicht selbst zum Regisseur und
Theatergarderobier, zum Kostüm-⸗, Gerät- und Waffenmeister;
und bald sah er darum diese Requisite nicht mehr mit den
leuchtenden Augen des Romantikers an, sondern mit dem Kenner—
blicke des Antiquars und Gelehrten. Auf diesem Gebiete vor
allem mußte daher jetzt, wenn nicht das Gemüt, so doch der Ver⸗
stand befriedigt werden; es mußte alles echt sein und genau nach
alten Vorlagen. Natürlich ging aber mit dieser Wandlung langsam
auch noch die ursprüngliche relative Wahrheit der Komposition
verloren. Nicht so sehr lebende Atelierbilder großen Geschmacks
und energischen Zugs wurden noch geschaffen wie vielmehr
Bühnenszenen eines ungebildeten Personals von Statisten. Und
damit schlummerten denn die höheren künstlerischen Eigenschaften,
Phantasie und schöpferische Sehkraft, gewaltsam selbst da ein,
wo sie der Anlage nach vorhanden gewesen waren: und leere
Schönheit und bunte Schminke, faule Phrase und ein geräusch⸗—
volles Nichts von Farben bezeichneten nicht selten den Ausgang.
Um aber dennoch Gemüt und Anschauungskraft der Kunst⸗
freunde zu treffen, wirkte man nunmehr durch immer sentimen⸗
taleren oder grausigeren, auf alle Fälle pathetischeren und
mannigfacheren Inhalt. Schon Piloty malte aus alter, mittel⸗
— DDD—— französischer
Geschichte. Andere gingen darüber noch hinaus und suchten
zugleich immer raffiniertere Vorwürfe, nachdem die einfachen
großen Ereignisse erledigt zu sein schienen: assyrische Opfer,
Molochszenen, christliche Martyrien, Feme, Inquisition und