220 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

einer Palette zu fügen wußte, die, vom einfach melancholischen
Kolorismus bis zu wahrhaften Verwesungstönen, noch den
Zeiten des Historienbildes und insbesondere des historischen
Sittenbildes angehörte.
Mit der Kunst von Max und Makart und ihrer Nach⸗
folger und Nachahmer sind wir an den Grenzen des malerischen
Realismus der ausgehenden ersten subjektivistischen Periode an—
gelangt: ja diese Grenzen zeigen sich, hier in der Technik, dort
in den Inhalten fast schon überschritten: und unentwirrbar
mischen sich in der Tütigkeit dieser Spätlinge einer verfallenden
Kunst konservative und vorwärtsdrängende Elemente.
Überblicken wir aber jetzt, von den letzten Ufern der ge—
waltigen Periode, die mit Empfindsamkeit und Sturm und
Drang eingeleitet wurde und über Klassizismus und Romantif
verlief, noch einmal die Entwicklung der Malerei in der Zeit
des Realismus, so können wir in ihrem Verlaufe im Grunde
‚zwei Tendenzen wahrnehmen. Einmal nämlich beherrscht sie
der Drang, die Ausdrucksmittel der Kunst, die, verglichen mit
den vorhergehenden Zeiten, in der großen Kunst wenigstens
des Klassizismus und der Romantik stark zurückgegangen waren,
wieder voll zu entfalten und womöglich zu übertreffen. Zweitens
aber wird in ihr die für den Inhalt bisher vielfach maßgebende
Asthetik, überhaupt der ideologische Grundton der Zeit abgelöst
durch den Historismus: durch eine zwar noch nicht real-gegen⸗
wärtige, wohl aber dieser sich annähernde Betrachtung der
Welt. Einheitlich wirken dabei diese beiden Tendenzen dadurch,
daß sie bis zu einem gewissen Grade die Möglichkeit gegen⸗
seitiger Vermischung zeigen: das Streben nach besseren, der
Natur, wie man sie in dieser Zeit sieht, näher kommenden
Ausdrucksmitteln knüpft immer und immer wieder an das an,
was die alten Meister des 17. und 18. Jahrhunderts, ja teil⸗
weise bereits früherer Jahrhunderte schon erreicht zu haben
schienen, wenn sich auch mit ihrer Nachahmung steigend neue
Errungenschaften verknüpfen: und dadurch erhält der Historis⸗
mus auch auf die Form und somit die eigentliche malerische
Entwicklung beträchtlichen Einfluß.