222 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

der Malerei vorhielten, daß der charakteristische Ausdruck des
eigentlich Realistischen geringer war, daß sie mit ihren Aus—
läufern weiter in die zweite Periode des Subjektivismus hinein⸗
reichten: und daß sie schließlich nach deren voller Entfaltung
um so gründlicher und fast unter den Erscheinungen eines
Bruches von einer neuen Kunst, der Kunst der Gegenwart, ver⸗
drängt wurden.
Am deutlichsten tritt dieser Verlauf in der Baukunst her⸗
vor und reflektiert daher auch von hier in manchem speziell
architektonischen Zuge auf Kunstgewerbe und Plastik.
Bezeichnend für die Entwicklung der Baukunst ist zunächst,
daß sich verhältnismäßig noch überaus lange die klassizistische
Antike und die romantische Gotik erhielten, wenn auch in ab—
gewandelten Formen. So ist im klassizistischen Stile monu—
mental wie in kleineren Anlagen noch bis in die sechziger Jahre
hinein gebaut worden; erst 1863 wurde in Wien der Grund—
stein zu Hansens Parlamentshaus gelegt!, und in Berlin sind
noch um 1870 Villen in der Bauweise Schinkels entstanden.
Freilich wurde dabei der Charakter des Stiles immer malerischer
durchgebildet in dem Sinne, daß die strenge Gerüstbildung
hinwegfiel und das Wesen eines Wandstils stetig stärker hervor—
trat. Indem dies aber geschah, wurde zugleich der Eindruck
der Bauten immer mehr dekorativ. Denn während alle Gerüst⸗
stile, und unter ihnen ganz besonders die Gotik, an Struktur⸗
elementen so reich sind, daß sie eigentlich Dekoration kaum noch
erfordern, um gefällig zu wirken, verfügen Wandstile — und
unter ihnen z. B. die Renaissance — nicht über einen solchen
Überfluß und bedürfen daher noch besonders dekorierender Ele⸗
mente, mögen diese nun in starken Schattenwirkungen der
Wände eines bewegten Grundrisses oder aber, wie in der Ge—
schichte der Renaissance namentlich seit den Zeiten der Hoch—
renaissance, in der Formenwelt einer eigens entwickelten archi—
tektonischen Dekoration gefunden werden.
In dem Zuge zum Malerischen aber, der klassizistische und

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