224 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

räume; eine Gotik, gleich geschickt für kirchliche wie für welt—
liche Zwecke. Hase nahm diesen einheimischen Stil wieder auf,
um ihn unter französischen Einflüssen zu veredeln: und so ent⸗
stand jene Gotik von äußerster Beweglichkeit des Grundrisses,
von unregelmäßig wohnlicher Gestaltung der Innenräume, von
zgeknicktem Dachgesims und von der Durchbildung des Daches
zu einem wesentlichen Bauglied, jene Gotik der Giebel und
Erker und Türme und Chörlein und Hallen, die sich auch in
der Reduktion der Vertikale der deutschen Renaissance an⸗
näherte: wie sie denn auch dem modernen Villenstil von so⸗
zenanntem Renaissancecharakter zugrunde liegt: eine Gotik des
rein Malerischen: ein Ubergang zu den Wandstilen der
Renaissance und des Barocks.
Aus ihr hat sich denn auch die moderne gotische Form
des protestantischen Kirchenbaus herausgestaltet mit seinem Be—
streben hin aufs Wohnlichere, auf den Versammlungsraum
mehr als den Kultbau; so hat Hase ihn schon ausgebildet, und
so wurde er später namentlich durch Otzen in Berlin noch
weiter entwickelt.
Die Renaissance, der Stil, der unter allen historischen
Stilen dem künstlerischen Auge wie auch den baulichen Bedürf⸗
nissen des Realismus am besten entgegenkam, ist im 19. Jahr⸗
hundert als eine Bauweise, die das Städtebild zu bestimmen
begann, wohl zuerst in Wien gepflegt worden: in der Haupt⸗
stadt eines Landes, das enge Verbindungen mit Italien nie—
mals abgebrochen hat. In Wien haben van der Nüll (1812
bis 1868) und Siccard von Siccardsburg (1818 -1868) in
diesem Stile gebaut, ehe sie durch den Einfluß Försters und
Hansens verdrängt wurden. Aber auch an anderen Orten
wurden seit den dreißiger und vierziger Jahren stärkere Bau—
versuche im Renaissancestil gemacht, so von Leins (1814-092)
in Stuttgart, von Nicolai (1811-81) in Dresden, von Neu⸗
reuther (181187) in München. Derjenige indes, der dem
Stil ein neues volles Heimatsrecht schuf, war doch erst Gott⸗
fried Semper (1808—79). Semper, dem es zuerst gelang,
den klassizistischen Theorien Böttichers in seinem Buche über