230 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

lung kunstgewerblicher Schätze der Vergangenheit in besonderen
Museen die Wiederentdeckung früherer Techniken und die Er—
weckung eines neuen Kunsthandwerks in besonderen Lehranstalten
verband.
Die Anfänge des Neuen auf diesem Gebiete führen wie
die anfängliche Verbreitung des Renaissancestils überhaupt nach
Wien. Hier nahmen sich Eitelberger und Dumreicher dieser
Dinge zuerst kunstgeschichtlich an; die Formen, die man dann,
vornehmlich unter Ferstels schöpferischem Einfluß, entwickelte,
waren zunächst die der italienischen Renaissance, und allzulange
vielleicht wurde gerade in Wien an ihnen festgehalten. Ver⸗
stärkt wurde die Bewegung durch die Erfahrungen der Welt—
ausstellung des Jahres 1807, in der man die Höhe der tech—
nischen Leistungen anderer Nationen kennen und bewundern
lernte und namentlich sah, wie sehr England eine ähnliche
Leitung des Kunstgewerbes, wie man sie vorhatte, zustatten
gekommen war: hier hatte Semper als politischer Flüchtling
nach 1848 zusammen mit dem Prinzgemahl Albert die Be—
gründung des South-Kensington-Museums, des ersten Kunst⸗
gewerbemuseums der abendländischen Kulturen, durchgesetzt.
Zugleich aber packte man jetzt allenthalben das neue Werk an;
in Wien traten Jakob von Falke und Bruno Bucher hervor,
in München der Bronzegießer von Miller; in Berlin wurde
1867 ein Kunstgewerbemuseum begründet. Und bald kamen so
wunderbare Werke der Dekoration, wie das Innere des Hauses
des Grafen von Schack in München, 1874 von Gedon voll⸗
endet, zur Ausführung.
Inzwischen aber war die Strömung, verstärkt durch den
überschäumenden Kolorismus der Zeit und vornehmlich der
Pilotyschule, schon im Begriff, über die Renaissance hinaus in
die üppigeren, ausladenderen Formen des Barocks zu fluten.
Bezeichnete das Erscheinen von Lübkes Buch über die deutsche
Renaissance im Jahre 1873 die Eroberung einer vollen Kenntnis
dieses Stils, so machte im selben Jahre von Zahn den ersten
Versuch, das Barock historisch zu gliedern, und hatte ein Jahr
darauf Hettner sein Werk über den Zwinger herausgegeben.