232 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Untergange auch noch etwas von dem Anmutig-Gezierten des
Rokokos zurückblieb.
Die letztere Beobachtung gilt namentlich für den eigent—
lichen Vater der Bildnerei dieser Zeit, für Rauch (1779 bis
1857)1. Erwies es sich für Rauch als notwendig, sich dem
steigenden Realismus des Tages zu nähern, so wurde er leicht
befangen; und nur, wo ihn der feste Sinn des Bestellers und
besondere Begeisterung für die gestellte Aufgabe vorwärtstrieb,
etwa in seiner Königin Luise im Tiergarten, auch in seinem
Denkmal Friedrichs des Großen unter den Linden, hat er dann
Tüchtiges geschaffen. Das Problem aber, das bei solchen Denk⸗
mälern — und namentlich seit den sechziger und siebziger Jahren
wurde die Zahl der öffentlichen Denkmäler in Deutschland
Legion? — immer wieder auftrat, war das des gegenüber den
klassizistischen Anforderungen etwa noch zulässigen Realismus;
und es spitzte sich äußerlich der Regel nach auf die Frage zu,
ob für den Dargestellten das Zeitkostüm zulässig sei. Auf
diesem Gebiete haben dann die Besteller, deren Meinung für
dergleichen Arbeit nicht gleichgültig bleiben konnte, meist für
den Realismus, d. h. das Zeitkostüm, entschieden; und damit
drang dieses denn schließlich auch völlig durch. Indes selbst
Bgl. schon Bd. VIII, 2, 689.
Um 1850 gab es noch wenig öffentliche Denkmäler in Deutschland,
von Goethe und Schiller z. B. je eines in Frankfurt und Stuttgart. Eben
1850 wurde das Herderdenkmal in Weimar enthüllt. Diese Gelegenheit
gab Liszt (Ges. Schr.? 8, 2, 70 -71) Gelegenheit zu folgender, für die Zeiten
des Historismus bezeichnender Betrachtung: „Diese Bevorzugung eröffnet
zugleich der Kunst des Bildhauers eine reiche Quelle der Juspiration. Sie
gibt ihm Gelegenheit, öfter von der Sphäre des Gefühls und des Gedankens
in die der Geschichte zu treten und der Verkörperung bestimmter Ideen
aachzugehen. Gezwungen, nicht nur die Größe der Männer, die er den
Jahrhunderten überliefern soll, genau zu kennen, sondern auch in ihr
geistiges Wesen vorzudringen, bis er gleichsam den Strahl auffängt, der
sich über ihre Person ergießt, den Blick mit mildem, sanftem Widerschein
belebt oder auch den Konturen den Charakter gebieterisch lebendiger Be—
stimmtheit aufdrückt, findet der Bildhauer, um zu der Menge zu reden,
eine Form, die er ihr vertraut, verftändlich und teuer macht, und durch
welche er sich mit ihr in unmittelbare Beziehungen setzt.“