Voller Realismus.

288

damit wurde ein gewisser äußerlicher Klassizismus noch keines⸗
wegs ausgetrieben. Denn es gelang schließlich, sogar den Hosen
und Westen und Röcken einen antikischen Faltenwurf abzu—
gewinnen: in anderer Umhüllung lebten so die alten Stil—
momente, wenn auch oft schon unverstanden, fort und gaben
den meisten öffentlichen Denkmälern jenes Weltabgeschiedene,
das den Blick der Vorbeigehenden heutzutage eher abwehrt als
auf sich lenkt.
Aus den Bahnen dieser Auffassung hat sich dann freilich
allmählich Rauchs größester Schüler, Rietschel (1804 -1861),
mehr der Wirklichkeit zugewendet; seine besten Werke aus den
fünfziger Jahren, der Lessing in Braunschweig (1833), das
Goethe- und Schillerdenkmal in Weimar, enthüllt 1857, zeigen
ihn auf der Höhe dieses Weges; und später sind Schaper
(Goethe von 1880) und andere seinen Spuren gefolgt.
Allein daneben blieb doch immer noch der zahme Klassizismus
Rauchs bestehen, und auch in größeren Denkmälern, wie
Schillings Germania auf dem Niederwald (1883) und Siemerings
Leipziger Siegesdenkmal (1888), herrschte er noch mit, wenn
auch an beiden Denkmälern einzelnes, dort der Genius des
Krieges, hier die Reiterdenkmäler Bismarcks und Moltkes, weit
realistischere Züge aufweisen. Vor allem aber rettete sich der
Klassizismus in die vielfachen Allegorien der Weisheit und der
Tapferkeit, des Handels und der Künste, des Gerüchtes und
des Ruhms und in die Genrebildchen nach antikischer Weise,
die flötenden Hirten und badenden Mädchen, die ironisierten
Amoretten und humoristisch behandelten Faune und all die
andere philiströs-liebenswürdige Formenwelt klassizistisch-anti—
quarischer Phantasie. Die Schule, die hier am eifrigsten tätig
war und manch braves Werk geschaffen hat, war die Dresdener
unter Führung Hähnels; noch die sechziger und siebziger Jahre
hat sie ganz beherrscht. Neben Hähnel (181191) war Schilling
(geb. 1828) ihr bedeutendster Vertreter; eines seiner liebens—
würdigsten und zugleich bedeutendsten Werke ist die Vierzahl
der Gruppen auf der Treppe der Brühlschen Terrasse zu
Dresden (1862).