234 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

Hinaus über diese ruhselige Kunst, wie sie im Schoße
einer immer pedantischer betrachteten Antike glücklich war,
führten erst die Meister, die entweder der Natur einzig und
direkt auf den Leib gingen, wie etwa Diez in seinem Gänse—
dieb (Dresden 1880), oder mit energischerem Naturstudium,
namentlich für das Porträt, die Anlehnung an Renaissance,
Barock und Rokoko verbanden. Unter ihnen ragten der früh—
verstorbene Tilgner (1844496) und der langlebige Begas
(geb. 1831) hervor: ein liebenswürdiger Wiener und ein straffer
Berliner, jener weichen Linien huldigend, dabei nicht eigentlich
von mehr als einer allgemeinen Rokokohaltung, dieser ein
energischer Kenner und Nachahmer der Alten, Michelangelos,
Gianbolognas, Berninis, ein Lenbach der Plastik, schon etwa
ein Jahrzehnt vor Tilgner, mit den sechziger Jahren, erfolg⸗
reich und mit immer höheren Aufträgen in seiner Kunst steigend
vom Berliner Schillerdenkmal (1872) bis zu dem großen Denk—
mal Kaiser Wilhelms, das 1897 enthüllt wurde. An diesen
größeren Werken hat Begas dann eine ganze Schule jüngerer
Bildhauer herangezogen, die namentlich bei den Bildwerken der
Siegesallee zu Berlin im Auftrage Kaiser Wilhelms II. be—
schäftigt war; und in ihr ragte damit die Periode des künstle—
rischen Auges der dreißiger bis siebziger Jahre noch lange in
einiger Frische bis tief in schon ganz anders geartete Zeiten.
Dabei ist es kein Zufall, wenn gerade auf dem Gebiete
der Plastik selbst noch mehr als auf dem der Architektur diese
Periode am längsten fortwährte. Mehr wie andere Zweige
der bildenden Künste ist die Plastik an die Form und durch
sie an den Umriß und mit diesem an das künstlerische Auge
eines Linienstils gebunden: eben darum verließ sie schon die
allgemeinen Vorbedingungen künstlerischen Schaffens, wie sie
in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bestanden,
am spätesten, nahm darum auch die Voraussetzungen des
künstlerischen Auges des Realismus, das Malerische, die
Stimmung — von der Farbe zu geschweigen — am spätesten
auf und bewahrte diese schließlich über die Jahre des Realis—
mus hinaus bis weit in eine Zeit hinein, die aus den all—