Voller Realismus.

235

gemeinen künstlerischen Bedingungen des Impressionismus heraus
allmählich eine ganz anders geartete Plastik entstehen sah.

2. Für den Gesamtverlauf der bildenden Künste in der
Zeit des Realismus ist vielleicht nichts bezeichnender als der
volle Beginn mit der Entwicklung der Historienmalerei und der
Abschluß mit einer Blüte vornehmlich und fast allein des Kunst⸗
gewerbes: eine schon im Anfange von des Gedankens Blässe
angekränkelte Geschichte endete in Formen, die, an den Auf—⸗
gaben der hohen Kunst gemessen, das Gepräge des Äußerlichen,
des Dekorativen tragen. Es war ein ähnlicher Verfall, wie
ihn die Kunst des frühen Individualismus, die Kunst der
van Eycks und Schongauers und Dürers und Holbeins mit
den dreißiger Jahren etwa des 16. Jahrhunderts durch das
UÜberwiegen der religiösen Interessen der Reformation erlebt
hatte.
Die ideologischen Momente aber, die diesen Ausgang herbei—
führten, griffen in dem einen wie dem anderen Falle weiter.
Wie die Dichtung des 16. Jahrhunderts unter dem sengenden
Strahl einer neuen Gottesgewißheit verdorrte, so litt in ähn—
licher Weise die Literatur des 19. Jahrhunderts unter den aus⸗
trocknenden Wirkungen zunehmender Wissenschaftlichkeit. Und
wie diese Wissenschaftlichkeit auf dem Wege der Historienmalerei
in die bildende Kunst eindrang, so verbreitete sie sich in der
Literatur auf dem Wege der Romandichtung, neben der Drama
und Lyrik eine immer geringere Rolle spielten: bis beide, vor
allem aber die Lyrik, ins Spielerische und rein Formale über—
gingen, entsprechend dem kunstgewerblichen Schicksal der Bau—⸗
kunst und Plastik.
Um das Jahr 1840 lag ein Wendepunkt in der Geschichte
der deutschen Erzählungskunst. Gewiß währte die alte idyllische
Erzählung einst Rousseauschen Ursprungs, wie sie zum Teil
von außen durch Bernardin de St. Pierres „Paul et Virginie“
(1789) und Chateaubriands „Atala“ (1801) von neuem an—