236 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

geregt sein mochte, in den Tiefen und namentlich in der Form
des transozeanischen Idyllenromans noch fort. Und auch der
Gesellschaftsroman der früheren Perioden, insoweit er Gattung
geworden war, der Roman der Lafontaine und Kotzebue, war
nicht ausgestorben; Held dieser Schriftstellerei war jetzt der
von Hauff verspottete Clauren (der preußische Hofrat Carl Heun,
1I771-1854): in seinen Romanen herrschte ein widerliches Ge⸗
misch von Sentimentalität und Lüsternheit, von Reflexion und
Anspornung niedriger Instinkte: kurz Unwahrhaftigkeit im
einzelnen wie im ganzen, auch in der Schilderung der Charaktere
und der landschaftlichen Umwelt. Allein der eigentlich roman—
tische Roman war um diese Zeit abgestorben, und nicht minder
gehörte nun der künstlerisch halb romantische, halb realistische
Roman des Jungen Deutschlands schon zu den Toten. Frei
schien die Bahn für eine reine Entfaltung des Realismus.
Dabei fehlte es, in einer Vorperiode etwa seit den zwan⸗
ziger Jahren, nicht an Ansätzen in dieser Richtung. Da hatte
Julius von Voß (1768 1838) sogar schon noch früher die
militärische Skizze entwickelt, aus deren Keim sehr wohl die Kunst
eines rein realistischen Militärromans hätte hervorgehen können.
Allein dieser Ansatz war nicht fortentwickelt worden; der nächste
Nachfolger Vossens ist eigentlich erst Hackländer (1816-1877)
gewesen; und dessen Militärhumoresken, die der Hauptsache
nach erst in den vierziger und anfangs der fünfziger Jahre er—
schienen, waren grob gezeichnet und nicht geeignet, das be—
sondere Stoffgebiet literarisch zu empfehlen. Neben die militä—
rische Skizze aber hatte sich früh schon auch die bäuerliche
Skizze gestellt, so wie neben der realistischen Soldatenmalerei
das malerische Bauerngenre aufgekommen war. Aber es war
der Hauptsache nach nur in der Schweiz geschehen und hier in
engster, ja fast erstickender Verbindung mit pädagogischen Ten—
denzen: so bereits bei Pestalozzi, noch mehr bei Zschokke (1771
bis 1848), vollendet endlich und nun freilich auch in fast un—
bewußter hoher, doch schon impressionistischer Kunst bei Bitzius.
Daneben konnte sich allenfalls nur noch das der Schweiz in
so vieler Hinsicht seelisch verwandte Niedersachsen sehen lassen;