Holler Realismus.

289

Scott, der selber erst durch Goethes „Götz“ und Webers „Sagen
der Vorzeit“ angeregt worden war, hatte eine neue Methode
epischer Vergegenwärtigung und — wie das so häufig mit—
einander zusammengeht — zugleich auch eine neue Stoff—
abgrenzung gefunden. Über die Entwicklung seiner Methode
hat Scott eine Reihe lehrreicher Selbstbekenntnisse hinterlassen.
Darunter das folgende: „Ich habe mein künftiges Werk zu
wiederholten Malen abgewogen, es in Bände und Kapitel ein⸗
geteilt und mich bemüht, eine Geschichte zusammenzufügen,
welche sich stufenweise und anregend entwickelte, in Spannung
erhielte und die Neugier reizte und zuletzt in einer ergreifenden
Katastrophe endigte. Aber ich glaube, ein böser Geist setzt sich
auf die Feder, wenn ich anfange zu schreiben, und lenkt sie
anders, als ich will. Die Charaktere vergrößern sich unter der
Hand; die Vorfälle mehren sich, die Geschichte hat einen lang⸗
sameren Verlauf, während der Stoff anschwillt; mein regel⸗—
rechtes Haus wird zu einem gotischen Bau, und das Werk ist
geschlossen, ehe ich das Ziel erreiche, das ich mir vorgesteckt.“
Es sind Sätze, die sehr anschaulich die Schwierigkeit schildern,
die es in den frühesten Zeiten des Realismus machte, zu einer
wirklich ebenmäßig durchgeführten Komposition einer größeren
Erzählung zu gelangen. Aber eben Scott hat diese Schwierig⸗
keit zuerst überwunden. Er zuerst band die Komposition strenger
an die Höhepunkte der Erzählung ganz im Gegensatze zu den
willkürlichen Abschweifungen und der Häufung von Zufällen
namentlich in der deutschen Romantik: und fand damit den
Punkt, von dem aus sich die epische Kunst des realistischen und
des modernen Romans überhaupt erst entwickeln konnte. Zu⸗
gleich aber schritt er zu einer weit stärkeren Vergegenwärtigung
der Vergangenheit fort, als man sie bis dahin gekannt hatte:
er drang halb wissenschaftlich in die Einzelheiten der alten
Jahrhunderte ein und nützte den Ertrag seiner antiquarischen
Studien für seine Schilderung. Und da er hierbei erkannte,
daß von dem vergangenen Seelenleben, ja von der Außenwelt
der Vergangenheit in Sitte und Brauch große Bruchstücke noch
in den niederen Schichten des Volkes fortlebten, so ergab er