246 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

wicklungsmotiv in der Malerei übereinstimmt, insofern dieses
sich vornehmlich im historischen Sittenbild aussprach: und selbst
im einzelnen zeigt die Geschichte der deutschen Novelle und des
deutschen historischen Sittenbildes in der Zeit des Realismus
Punkte überraschender Übereinstimmung.
Von den Anfängen der Bauerngeschichte, der Keimbildung
des späteren novellistischen Realismus, ist schon die Rede ge—
wesen!. Wir wissen, daß sie als Genre mit angehender litera—
rischer Überlieferung vornehmlich in der Schweiz, daneben auch
in Niedersachsen-Westfalen zu Hause war, und daß sie über—
wiegend noch nicht ästhetischen, sondern erziehlichen Charakter
hatte: so namentlich bei ihrem glänzendsten Vertreter von der
Mitte der dreißiger bis zur Mitte der fünfziger Jahre, Jeremias
Botthelf.
Darauf wurde Berthold Auerbach zum Begründer und
bald wichtigsten Vertreter der eigentlichen realistischen Dorf—⸗
novelle der vierziger und fünfziger Jahre. Auerbach, von
jüdischen Eltern in einem Schwarzwalddorfe 1812 geboren,
ursprünglich zum Rabbiner bestimmt, brachte aus Familie und
Beburtsort den Sinn für die Bedeutung der Sitte, die Ehr—
furcht vor dem aus langem Alter Hergekommenen mit. Das
ist der Nerv seines Wesens, der ihm zu seiner besonderen
realistischen Anschauung des Dorflebens verhalf. Literarisch
betrachtet war er dagegen ursprünglich von den Romantikern
und noch mehr von Jean Paul abhängig, ja hatte durch den
letzteren sogar noch Fühlung mit der — wenn man so will —
Dorfdichtung des Rokokos, dem Idyll, gewonnen: das alles, ob—
wohl er sich schon früh, bereits im Jahre 1886, gegen die Jung⸗
deutschen und die romantischen Elemente ihrer Reflexion wandte.
Später ist denn auch der Einfluß Goethes auf ihn beträchtlich
gewesen. Alle diese Elemente verbanden ihn so weit der Ver—⸗
gangenheit, daß er alles andere wurde als ein literarischer
Revolutionär; andererseits aber schob ihn sein gestärkter Sinn

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