Voller Realismus.

247

für das Anschauliche vorwärts in einen entschiedenen, wenn
auch noch primitiven Realismus.
Das, was bei dieser Mischung in seinen Dichtungen zu—
nächst am wenigsten gewann, war die Schilderung der Charaktere,
zumal ihn ein pädagogischer Zug, der auch bei ihm noch nicht
fehlte, immer wieder der Schilderung von Typen zudrängte; erst in
seinen späteren Werken ist er tieferen psychologischen Problemen
nachgegangen und dadurch auch zu einer eingehenderen Charakter⸗
auffassung seiner Figuren gelangt. Aber auch dann noch haftete
den meisten seiner Personen ein gemachter Zug des bewußt
Sentimentalen an, wie es uns heutzutage scheinen will: ein
süßlicher Idealismus; die harte bäuerliche Seele hat er noch
wenig erkannt; der sozialpsychischen, dörflichen Grundlage seiner
Personen ist er noch nicht genügend gerecht geworden. Was er
dagegen schon in seinen ersten Erzählungen (1843 ff.), die viel mehr
noch Geschichten als Novellen zu nennen sind, mit einer an—
schaulichen Entschiedenheit traf, die vorher höchstens Immermann
und auch er nur ausnahmsweise erreicht hatte, das war der
Realismus der Außenwelt, die Wiedergabe der Situation und
auch der von Immermann fast noch ganz vernachlässigten Land⸗
schaft. Und diese Elemente waren es, die dem deutschen Lese—
publikum der zweiten Hälfte der vierziger Jahre neu erschienen
und — freilich in Verbindung mit dem nicht selten empfind⸗
samen Tone — dem Dichter Anerkennung in den breitesten
Schichten verschafften.
Die fünfziger und auch noch die sechziger Jahre brachten
dann den Höhepunkt von Auerbachs literarisch wichtigerem
Schaffen: es erschienen 1852 ,Diethelm von Budenberg“, 1857
„Barfüßele“, 1860 „Joseph im Schnee“: Werke, denen die
späteren allgemeinen Zeitromane des Dichters an Erfolg nicht
entfernt gleichkamen. Und Auerbach hat in ihnen auch noch
eine Entwicklung von allgemeinem Interesse durchlaufen. Zu
dem Realismus der Einzelzeichnung, der Skizze, fand er immer
mehr einen entsprechenden Realismus der Komposition: der
Stoff wurde vereinfacht und den Anforderungen eines raschen
Ganges der Haupthandlung unterworfen; in den Mittelpunkt