248 Fünfundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.

der Erzählung trat die Entwicklungsgeschichte eines oder
mehrerer Charaktere; ein leiser dramatischer Hauch erhob sich:
ein Zug erschien angedeutet, der bei stärkerem Realismus
der Darstellung aus der Bauernerzählung zu jenem Bauern—
schauspiel hätte führen müssen, das auf Auerbach Anzengruber
folgen ließ.
Einstweilen aber war mit der schwäbischen Dorfgeschichte
Auerbachs ein Typ realistischer Erzählungskunst gefunden, der
sich in tausend Anwendungen auf die deutschen Landschaften
verbreitete. Überall sproßten jetzt Dorfgeschichten empor, so —
noch früher, aber keineswegs so einflußreich als Auerbachs Er—
zählungen — Ranks Bilder und Erzählungen „Aus dem Böhmer—
wald“ (1842) und Moritz Hartmanns „Krieg um den Wald“
(1850), so Melchior Meyrs „Erzählungen aus dem Ries“ (von
1854 ab), so die schwäbischen Geschichten von Hermann Kurz
und die mecklenburgischen und pommerschen von Edmund Höfer
(beide etwa seit Mitte der fünfziger Jahre). Und diesen Autoren
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Osterreich Silberstein: bis auf dem Boden der Südostmarken
Rosegger und vor allem Anzengruber der Dorfgeschichte einen
entwicklungsgeschichtlich veränderten Charakter gaben.
Mitten innen aber zwischen dieser und der vorhergehenden,
durch Auerbach charakterisierten Entwicklungsstufe, doch so, daß
er schon bei weitem mehr zu vollem Realismus neigte, stand
Fritz Reuter. Reuter hatte den Mut und den Vorteil, für die
Dorfgeschichte zum ersten Male entschieden und systematisch —
gelegentlich und in Bruchstücken war es schon oft von ihm ge—
schehen — den Dialekt zu verwenden, von den Schnaken und
Schnurren der „Läuschen un Rimels“ (1833—554) an bis zu
den großen Werken der „Franzosentid“ (1860), der „Stromtid“
(1862 - 64) und der „Festungstid“ (1863). Und was für einen
Dialekt! Haben die Niederdeutschen immer als die Realisten
unter den Deutschen gegolten, so hatte sich das auch im Geiste
ihrer Sprache ausgedrückt; alle niederdeutschen Dialekte bieten
ein unvergleichliches Sprachmaterial, um zum adäquaten Aus—
druck vor allem der äußeren Erscheinungswelt zu gelangen.